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Sind Abkürzungen gut für den Klimaschutz?

Viele Menschen werden hoch erfreut sein, wenn die Autobahn A33 endlich fertiggestellt ist. Man ist dann ja viel schneller! Die Fahrzeit von Osnabrück nach Bielefeld verkürzt sich dramatisch. Manche Politiker fordern auch mehr Straßen, weil das angeblich gut für den Klimaschutz sei. Schließlich stehen wir dann weniger im Stau.


Kritische Stimmen behaupten, mehr Straßen bringen mehr Verkehr mit sich. Neue Straßen sollen zwar der Entlastung dienen. Im Ergebnis steige die Belastung. Ist das so? Wenn ja, warum?

 

Es gibt bereits seit vielen Jahren etliche Untersuchungen, die den Zusammenhang eindeutig belegen.  Mehr Straßen bringen mehr Verkehr. Denn sie dienen eigentlich immer der Beschleunigung.


Sind weiter entfernte Orte beispielsweise durch eine Umfahrungsstraße schneller erreichbar, erhöht sich der Radius für Pendelstrecken. Man erreicht also weiter entlegene Ziele in derselben Zeit.


Parallel zur Strecke Osnabrück-Bielefeld fährt eine Bahn. Ziemlich langsam zwar, aber immerhin beträgt die Fahrzeit nur 60 Minuten, etwas länger als die 50 Minuten, die es mit dem Auto braucht. Parallel baut der Staat bereits seit vielen Jahren eine Autobahn. So wird sich die Auto-Fahrtzeit auf vielleicht 30-40 Minuten verkürzen. Dann werden viel mehr Menschen mit dem Auto fahren und die Bahn ignorieren. Das verstopft wiederum die Autobahn.


Mit anderen Worten: Der Staat ermuntert seine Bürger also dazu, den Planeten aufzuheizen.


Es hätte auch umgekehrt sein können, wenn man in die Bahnstrecken investiert und diese beschleunigt hätte. Dann würden mehr Leute mit der Bahn fahren und das Auto stehen lassen, vielleicht sogar abschaffen. So würde Öko zur Routine.


Die Verkehrsministerien wecken hingegen den Eindruck, noch nie etwas von diesen Untersuchungen gehört zu haben. Allein zwischen 2000 und 2017 erweiterten sie das Autobahnnetz um sage und schreibe 1481 Kilometer. Geholfen hat es nichts, die Staulänge hat sich vervierfacht.


Der Ausbau des Straßennetzes ist zugleich ein Wachstumstreiber, nicht zuletzt für den Lkw-Verkehr. Die Prognosen verkünden dessen Zunahme um fast 40 Prozent bis zum Jahr 2030.  Und die Ministerien machen sich zum Wegbereiter dieser katastrophalen Entwicklung. Alles nur, damit noch mehr Waren kreuz und quer durch Europa gekarrt werden.

 

Ökoroutine hießt schlichtweg, den Straßenbau zu stoppen. Einfach nichts tun.

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Müssen die Gegner der Braunkohle Ökostrom beziehen?

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Großdemo am Terminal 1

21. Oktober 2018, Flughafen Frankfurt. Rund 1000 Menschen demonstrieren gegen einen weiteren Terminal. »Startbahn West«, das ist lange her. Später kam dann die Startbahn Nord-West. Es folgten permanente Erweiterungen der Flugsteige. Noch mehr Flüge und noch mehr Passagiere. Jetzt soll auch noch ein neues Abfertigungsgebäude »Terminal 3« für bis zu 25 Millionen Passagiere pro Jahr entstehen.

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Klimaschutz in den Tagesthemen: Jeder für sich...

Tagesthemen am Mittwoch, den 10. Oktober 2018. Am Tag zuvor ging die Pressemitteilung des Internationalen Klimarates über den Ticker. Die Warnungen der Experten werden von mal zu mal eindringlicher. Heute berichten die Tagesthemen über eine Starkregenkatastrophe in Mallorca, anschließend über neue, abgeschwächte CO2-Standards für Autos.


Doch wenn sich die Politik so schwer tut, was kann eigentlich jeder einzelne für den Klimaschutz tun? Dazu gab es einen dreiminütigen Bericht. Als Experte durfte ich kommentieren. Zunächst habe ich mich natürlich sehr über die Anfrage gefreut. Besonders auch darüber, dass die Kollegen im Wuppertal Institut mir das Vertrauen dafür entgegen gebracht haben.

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Hambi: Voller Einsatz für unsere Enkel

Das war voller Einsatz, zur Demo am Hambacher Forst. Wir haben quasi den ganzen Tag im Bus verbracht, Stau, Umwege usw. Dann fünf Kilometer  laufen, davon fast vier Kilometer vorbei an den parkenden Bussen.

 

Es war sehr beeindruckend, wie viele Menschen sich auf den Weg gemacht hatten. Doch auf dem Veranstaltungsplatz waren wir letztlich nur 30 Minuten. Denn um 16:30 Uhr sollte die Manschaft schon wieder beim Bus für die Rückfahrt sein. 

 

Hat sich der Aufwand geloht? Gut, es wäre schöner gewesen, wenn wir zumindest 1-2 Stunden bei der eigentlichen Demo gewesen wären. Aber am Ende zählt nur die Zahl der Protestler. Und die ist gewaltig. 50 000, so die Schätzung. Um die 10 000 wurden zunächst erwartet.

 

In der Tagesschau war der Hambi der erste Bericht. Und der war recht ausführlich. Also es hat sich gelohnt! Es dürfte allen Politikern inzwischen klar geworden sein, dass man mit der Braunkohle nicht einfach weiter machen kann, wie ursprünglich geplant.


Mein Bus aus Osnabrück hatte noch eine kurze Anfahrt. Es kamen Busse aus Kiel, Berlin und Freiburg. Ein Hoch auf solch wackere Demokraten!


Passend zur Demo am Samstag hatte ich heute ein kurzes Interview im WDR5. Der Moderator Stephan Karkowsky bringt meine Kernbotschaft gleich zu Beginn auf den Punkt: »Öffentlicher Protest ist sinnvoller als privater Konsumverzicht«.

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Mit Eimer Farbe 30 000 Euro eingespart

Ich treffe mich mit Christian auf ein Bierchen in der Stadt. Christian kommt heute ausnahmsweise mit dem Bus. Und macht einen ziemlich genervten Eindruck:


»Wie ätzend ist das, da fahr ich mal mit dem Bus in die Stadt und stehe dann mit den anderen Autos im Stau. Da kann ich doch genauso gut meinen Wagen nehmen. Der ist wenigsten klimatisiert.«


»Stimmt, das ist Mist, aber jetzt kannste Bierchen trinken ☺«


»Aber mit dieser Erfahrung werde ich es auch wirklich nur in solchen Fällen tun!« »Hinzu kommt«, meint Christian, »dass ich auch noch vor so einer verdunkelten Scheibe saß und kaum rausgucken konnte, weil da Werbung auf dem Glas klebte. Das hat mich eigentlich noch mehr geärgert.«


Christian hat völlig recht. Mit dem Bus fahren die Menschen erst dann, wenn es vorteilhaft ist. Und das ist halt eher selten das Bierchen, da trinken viele lieber keinen Alkohol. Wichtiger ist, dass der Bus schnell ist, am besten schneller als das Auto.


Möglich ist das ganz einfach durch Busspuren. Aber meist gibt es in den deutschen Städten ein Hauen und Stechen, wenn eine Pkw-Spur nur noch von Bussen und Taxen benutzt werden darf. Am größten ist die Aufregung in der Regel bei den Einzelhändlern. Die vergessen, dass in einen Bus noch mehr Kunden passen.


Und es muss gar nicht immer die kilometerlange Busspur sein. Schon ganz kurze Abschnitte, etwa vor Kreuzungen, sowie Sonderschaltungen an der Ampel können viel bewirken.


Auf dem Foto sieht man eine kleine Sonderspur. Das hat nur etwas Farbe gekosten und die Störhalte um fast 50 Prozent reduziert. Bei der Anzahl der Fahrten und Busse pro Tag macht das eine Einsparung von rund 30 000 Euro pro Jahr. Denn die Buswartezeiten kosten bares Geld. Letztlich werden durch Verzögerungen mehr Busse benötigt und mehr Fahrerstunden. Je langsamer Busse voran kommen, desto teurer wird der Betrieb. Und desto weniger Menschen haben Lust, ihn zu nutzen. Schlechte Auslastung erhöht nochmals die Betriebskosten.....ein Teufelskreis.


Dann ist es doch besser, die Städte machen es umgekehrt: Die Buslinien beschleunigen und Geld sparen, zusätzliche Kunden gewinnen, Auslastung erhöhen und Geld sparen. Alle gewinnen: Der Nahverkehr wird günstiger, das ist gut für die Stadtkasse. Die Fahrgäste sind zufriedener. Auf den Straßen sind potenziell weniger Autos. Und das beschleunigt wiederum den Autoverkehr.

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Wald retten - Kohle stoppen

Seien wir ehrlich, beim Hambacher Forst geht es nicht wirklich um die letzten Quadratmeter Wald, welche für die Braunkohle abgeholzt werden sollen. Es geht ums Ganze.

 

Der Wald ist zum Symbol geworden für den Widerstand gegen Kohlestrom. Für den Kampf gegen Klimahitze. Dass es dieses Symbol überhaupt gibt, das haben wir den vermeintlichen »Spinnern« in den Baumhäusern zu verdanken.

 

Ohne solche wackeren Protestler gäbe es nicht die gegenwärtige Diskussion, würde die träge öffentliche Meinung das Problem Kohlestrom kaum wahrnehmen.

 

Die jungen Menschen in den Wipfeln sorgen für politischen Druck. Mit Erfolg! Kohlepolitiker und Kohleindustrie befinden sich im Rückzugsgefecht. Es sind die letzten Zuckungen einer absterbenden Branche.

 

Knapp drei Viertel der Befragten sprechen sich für den Kohleausstieg aus. Dabei sind 46 Prozent für einen Ausstieg »bis spätestens 2025« und 27 Prozent »bis spätestens 2030«.

 

Jetzt nicht locker lassen! Auf zur Demo am 6. Oktober 2018! Die S-Bahn Station Buir ist nur einen Katzensprung von Köln entfernt.

 

Nichts ist egal, auf Dich kommt es an! Oder, mit anderen Worten: Arsch hoch, liebe Demokraten!

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Gelbe Tomaten

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Ja aber, die Arbeitsplätze....

Jeder kennt die Schilder im Hotelbad, die appellieren, die Handtücher auf den Haken zu hängen, um die tägliche Wäsche zu vermeiden: »Leisten Sie einen Beitrag zum Umweltschutz«.


Ich stelle mir jetzt vor, dort stünde: »Können Sie sich vorstellen, wie viele Arbeitsplätze verloren gehen, wenn Sie Ihr Handtuch am Haken lassen? Leisten Sie einen Beitrag für die Wirtschaft. Werfen Sie Ihr Handtuch auf dem Boden, damit es täglich gewaschen wird. Das sichert Jobs und Beschäftigung ist gut für den Wohlstand.«


Klingt absurd? Genau das ist der Normalfall. Deswegen werden heute immer noch ganze Dörfer weggebaggert und Flughäfen ausgebaut. Und deshalb gibt es auch kein Tempolimit auf der Autobahn oder eine Blaue Plakette, weil das Arbeitsplätze gefährden könnte. Auch die National Rifle Association der USA ist sich nicht zu schade, das Jobargument zu bemühen.


Was hilft denn der gesunde Wald, das intakte Klima, wenn die Menschen keine Arbeit haben? Gute Frage. Dann also erstmal den Wald verbrauchen. Den Hinweis unter Mails »Save Paper – Think bevor You Print« ändern wir in USE PAPER AND PRINT - DON´T LET THE ECONOMY SHRINK.


Müssten wir uns nicht vielmehr fragen: Was helfen die Jobs, wenn sie der Selbstzerstörung dienen? Und was ist mit den Jobs, die dem Klimaschutz dienen?


Es ist normal, dass Stromkonzerne im Bündnis mit den Gewerkschaften der Braunkohleindustrie die Energiewende ausbremsen wollen. Nachvollziehbar ist auch das Argument des Stellenabbaus.


Aufgabe der Politik ist es doch, über diese partiellen Interessen hinwegzusehen. Es geht um das Ganze und auch darum, dass inzwischen weit mehr als 360 000 Menschen mit Erneuerbaren Energien ihr Einkommen bestreiten. In der Braunkohleindustrie sind noch 20 000 Menschen beschäftigt. Da müsste doch eigentlich klar sein, was zu tun ist.


Habt Ihr Visionen? Könnt Ihr Euch vorstellen, dass Reformen und Veränderungen positive Effekte haben? Gut so! Denn: Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt

 

zukunft-statt-braunkohle.de

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Leben ohne Limit

Das Flugtaxi kommt. Spinnerei? Das Leben ist auch so schön genug? Ja, mag sein. Aber wir werden es nutzen. Wenn es bezahlbar und machbar ist, werden wir das tun. Einfach, weil wir es können. Und niemand, wirklich niemand, wird sich im Endeffekt dadurch besser fühlen.

 

Sicher ist auch, die Kleinflieger ohne Piloten werden uns als besonders umweltfreundlich präsentiert werden. So könne man den Verkehrskollaps vermeiden, wir es heißen. An dieser Stelle nur so viel: Flugtaxis werden die Reisegeschwindigkeit erhöhen. Und das hat bisher immer dazu geführt, dass wir die eingesparte Zeit in längere Wegstrecken investieren.


Wir leben ohne Limit. Es ist völlig offensichtlich, dass den Menschen die Gabe zur Selbstbegrenzung fehlt. Sicher es gibt Ausnahmen. Aber die breite Masse will haben, was der die anderen haben, das noch bessere Smartphone, das noch besere Auto, den 4k und später den 8k Fernseher.


Und deswegen benötigen wir Obergrenzen, ein Leben mit Limit. Für Straßen, Häfen, Landebahnen, Pkw, Häuser und Ackergifte. Ohne Limits ist es unmöglich, diesen Planeten mit zehn Milliarden Menschen auskömmlich zu bewirtschaften. Wenn wir zu dieser Einsicht nicht bereit sind, gehen die Demokratien zugrunde.

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Unterwegs wie zur Zeit der Postkutsche

Wir leben in einer Gesellschaft der Beschleunigung. Schneller ist besser. Schon ein geringer Zeitvorteil reicht vielen Geschäftsleuten aus, um für eine Reise von Hamburg nach Bonn, in den Flieger zu steigen. Der Staat baut neue Autobahnen und Bundesstraßen, damit wir schneller reisen können. Die Schnellstrecken der Bahn folgen demselben Mantra. Schneller ist besser.


Doch stimmt das eigentlich? Sind die Menschen heute zufriedener als 1980? Nein, sind sie nicht. Da sind die Befragungen eindeutig. Hat die Beschleunigung denn wenigstens dazu geführt, dass wir mehr Freizeit haben und weniger Zeit im Auto, Bahnen und Flugzeugen verbringen? Es wird manche überraschen: Nein!


Das liegt an einem eigenartigen kulturellen Phänomen. Die Menschen investieren etwa 80 Minuten täglich in Mobilität. Jede Zeitersparnis, etwa durch eine Umfahrungsstraße, führt dazu, dass die Menschen weitere Strecken zurücklegen. So erweitern sich beispielsweise die Pendelentfernungen, nicht jedoch die Pendelzeiten (Mobilität in Deutschland, langf. S. 31).


Das war schon zur Zeit der Postkutsche so. Ebenso faszinierend: Ob Bewohner in afrikanischen Dörfern, chinesischen oder südamerikanischen Städten, egal unter welchen politischen Verhältnissen oder räumlichen Bedingungen, überall sind die Menschen rund 80 Minuten unterwegs.

 

Wir sind rasend schnell, aber sparen keine Zeit.

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Der kleine Tom hat eine Frage....

Tom ist zehn Jahre alt, spielt gerne Fußball und fragt seine Mutter:

 

»Wie kommt es eigentlich, dass alle zum Training mit dem Auto gebracht werden. Und wir, mit dem weitesten Weg, fahren mit dem Fahrrad?«


Die Mama kenne ich seit vielen Jahren. Birgit wohnt mit Tom in Braunschweig. Nach einem Umzug, verlängerte sich der Weg zum Sportplatz auf fast sechs Kilometer. Das ist sportlich. Aber genau darum geht es ja auch beim Fußball. Um den Sport. Trainiert wird auch bei Regen. Da sind die Trainer knallhart.


Aber die Eltern, die sind ganz weich, schon bei den ersten Regentropfen. Und die sportliche Ambition endet offenbar an der Außenlinie. Die 2-3 Kilometer nach Hause, da holt Mama oder Papa mich ab. Das ist leider die Routine.

Das ist verständlich, heißt aber auch: Diese Menschen werden ihre Routine nicht für ein abstraktes Ziel wie dem Klimaschutz ändern. Sie werden ihr Verhalten nur in Frage stellen, wenn sich die Verhältnisse ändern.

 

Statt mehr Parkplätzen brauchen wir mehr Grün. Statt mehr Straßen, benötigen wir mehr Radschnellwege und Straßenbahnen. Und statt einer steuerlichen Förderung von Dienstwagen wären günstige und verständliche Tarife für den Nahverkehr angesagt.

Dafür sollten sich die Taxi-Mamas und Taxi-Papas engagieren, statt über verstopfte Straßen zu jammern.

 

p.s.: In deutschen Städten sind 50 Prozent aller Wege kürzer als  fünf Kilometer.

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Wenn Kontrolleure mundtot gemacht werden

Was helfen Standards, wenn die Kontrolleure mundtot gemacht werden?

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Fliegende Konsumenten

Foto: Peter Smola_pixelio.de
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Widerstand gegen Flächenfraß

Bei Ludwig in Münster kann man schön auf dem Balkon sitzen und ins Grüne gucken. Die Vögel zwitschern, Grillen zirpen. Doch nun ist bald Schluss mit Grün. Es muss ja überall in rasendem Tempo gebaut werden. Wohnungen und Häuser werden immer größer, Paare und Singles leben auf 100 Quadratmeter und finden das okay so. Für diese Bedürfnisse müssen überall neue Wohnsiedlungen entstehen. Rund 300 000 werden im Jahr gebaut. Und der Städtetag fordert 400 000.


Nur zur Erinnerung: Die Einwohnerzahl der Republik ist seit 1970 quasi unverändert. Abermillionen Wohnungen haben Investoren und Häuslebauer seither errichtet. Allein zur Herstellung des verbauten Zements werden unfassbare Energiemengen benötigt. Und die zusätzliche Wohnfläche muss ja auch noch beheizt werden.


Bei fast jedem neuen Bauprojekt entflammen wütende Proteste der Anlieger. Das Grün erhalten wollen alle, aber sich beschränken, das tun sie nur, wenn die Mieten extrem teuer sind.


Es hat mich daher besonders gefreut, als zahlreiche Umweltorganisationen in Süddeutschland zum Volksentscheid »Betonflut eindämmen – damit Bayern Heimat bleibt« aufriefen. Ziel war eine gesetzliche Obergrenze für den Flächenverbrauch. Das Limit sollte bei täglich fünf Hektar liegen, also nur die Hälfte von den 14 Fußballfelder, die allein in Bayern verschwinden. Kostbare Grünzüge verschwinden zum Beispiel für 400 Straßenbauprojekte, die bis 2030 geplant sind.  Die Zerschneidung der Landschaften, sie wird forciert, als hätte es nie eine Debatte über Naturschutz gegeben.


Das Bündnis für den Volksentscheid hatte großen Zulauf. Im Herbst 2017 trugen sich in wenigen Wochen 48 000 Wahlberechtigte in die Unterstützerlisten ein, doppelt so viele, wie nötig gewesen wären.

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Macht der Routine

Zu Besuch bei Freunden. Noch vor dem Frühstück kommt das Thema Verpackungsmüll auf. Kurz darauf meint Walter: »Komm, dann gebe ich dir jetzt einen Leinenbeutel mit und darin kannst du dann die Brötchen transportieren.«

 

Ich: »Gut. Dann muss ich jetzt beim Bäcker nur noch daran denken, den neuen Leinenbeutel auch über die Theke zu reichen.« Ha, ha, lachen alle.


Kurze Zeit später, ich beim Bäcker, schon wieder mit den Gedanken ganz woanders. Suche die Brötchen aus, bezahle und als ich die Tüte in den Leinenbeutel stecke, wird mir die Bedeutung des Spruchs »die Macht der Routine« wieder schlagartig bewusst. Ich habe tatsächlich verpennt, den Beutel über die Theke zu geben. Die Routine hat mich fest im Griff.

 

Ähnlich geht es mir auch in der Obstabteilung. Zuhause haben wir extra Netze für Obst. Da muss man natürlich vorher dran denken, sie einzupacken....klappt nicht immer.

 

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Stadt für Menschen

Bamberg. Das Wetter ist herrlich, der Abend lauwarm. Wir finden einen schönen Sitzplatz in der Außengastronomie. Beim Warten, Trinken und Speisen werden wir Zeugen eines eindrucksvollen Schauspiels in mehreren Akten. Titel: »Stadt für Menschen«.


Schon vorher bin ich verwundert, warum im Herzen der Altstadt Autos fahren dürfen. Und warum gibt es so viele Parkplätze, wo doch sicher die Gastronomen gerne diese Flächen nutzen würden? Insgesamt stehen in der Straße bestimmt hundert Menschen und trinken vor einer urigen Traditions-Brauerei ihr Bier. Statt Sitzmöglichkeiten gibt es viel Blech.


Doch ein Stellplatz ist gerade frei. Junge Leute machen es sich an diesem mediterranen Abend dort »gemütlich« und relaxen auf dem Asphalt. Die Gruppe geht und bald kommt schon eine andere. Ein Papa spielt mit seinem Sohn Ballfangen. Offenbar ist die Ecke angesagt. Die Menschen auf den Bildern haben, ohne es zu wissen, einen kleinen »ParkingDay« veranstaltet. Urbanes Leben, menschliche Begegnung.
In der nächsten Szene nähert sich ein Personenwagen. Fährt direkt an unserm Tisch vorbei und verlangt nach dem »freien« Parkplatz. Die Gruppe räumt die Fläche. Die Fahrerin schließt ab und geht.


Der Kampf gegen Blechverschmutzung, die Rückeroberung der Stadt, sie sollte genau dort ihren Anfang nehmen.

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Against Plastic Bottle: Es könnte so einfach sein

Am Mittwoch stehe ich im Supermarkt vor dem Flaschenautomat. Neben mir diskutierte ein Paar über unseren Flaschenmüll. Mir ist da wieder bewusst geworden, die Experten aus der Abfallwirtschaft leben in einer Wolke. Sie denken, ist doch ganz klar, welche Falschen im Müll landen und welche wiederbefüllt werden. Doch in der Realität ist vielen Menschen der Unterschied nicht bewusst.

 

Es gibt Pfandflaschen für den Müll, der immerhin verwertet wird. Recycelt wäre zu viel gesagt, denn oft kommt es nur zur Verbrennung. Fachleute nennen das beschönigend: Thermische Verwertung. Und dann gibt es Flaschen, die werden gereinigt und nochmal aufgefüllt. Und schließlich sind da noch Flaschen, die kann man direkt in den gelben Sack werfen.


Im Supermarkt stehen dann auch zwei Automaten für die Rückgabe. Im einen macht es so Knackgeräusche, weil die Flaschen zerquetscht werden: Müll. Im anderen bleiben die Flaschen heil. In beiden Fällen denken die Leute: »Ist doch ganz okay so«. Und: »Ich habe die Falsche zurück gebracht, das ist mein Beitrag zum Umweltschutz«.


Stimmt leider nicht. Die Wegwerflasche ist eine Ökosünde. Doch die Verpackungsindustrie hat es geschafft, den Kunden komplett zu verwirren. Beispielsweise präsentieren sie Studien, die nachweisen, wie umweltfreundlich angeblich die leichte Plastikwegwerflasche ist. Ich will das hier gar nicht erörtern. Aber eines ist sicher: Bei kurzen, regionalen Transportwegen ist sogar die schwere Glasflasche ihrer Konkurrenz überlegen. Zudem 100 Prozent frei von Mikroplastik.


Sie hätten es gerne einfach? Das ist kein Problem. Wir machen das Mehrwegsystem für Kunststoff- und Glasflaschen einfach zum Standard. Dafür muss man nur einige Paragraphen in der sogenannten Verpackungsverordnung streichen und ändern. Sie schaffen wie bisher Ihre leeren Flaschen zum Supermarkt oder Discounter. Dort gibt es dann nur einen Automaten. Da macht es dann nicht knack, knack. Die Flaschen bleiben heil, gehen zum nächsten Produzenten und werden dort gespült und wieder genutzt.


Besonders einfach wäre es auch, wenn all diese Flaschen, dieselbe Form hätten. Lediglich das Etikett zeigt, um welchen Hersteller es sich handelt. So bleibt ein fairer Wettbewerb erhalten. Und so lässt sich vermeiden, dass die Flasche mit Spezialform immer zum original Abfüller verfrachtet werden. Keine Rücktransporte von Hamburg noch München. Das wäre extrem effizient! Im Gesetz müsste dann nur noch stehen, welche Form der zukünftige Standard ist. Viele Paragraphen wären dann entbehrlich. Das wollen doch angeblich alle: Entbürokratisierung. Bitteschön. Es könnte so einfach sein.

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Wann ist der Staat gefragt?

Immer dann, wenn Menschen sich selbst schaden, sollte man über Hilfe nachdenken. Besonders deutlich wird das, wenn Mitmenschen sich selbst verletzen oder gar Selbstmord in Erwägung ziehen. Wer sagt da schon: »Muss ja jeder selbst entscheiden« ?


Klimahitze und Umweltgifte sind kollektive Selbstverletzungen der Menschheit. Die Entscheidung darüber darf man nicht den Einzelnen überlassen. Es ist eben gerade die Errungenschaft der Demokratie, kollektive Probleme durch Gesellschaftsverträge zu lösen. Nur so sind Gesetze und Steuern zu verstehen. Es sind gemeinschaftliche Absprachen.

 

Ohne Straßenverkehrsordnung und Ampeln herrschte Chaos und Anarchie auf den Straßen. Ohne Steuern, keine Straßen. Und ohne Standards gibt es keine klimaneutralen Häuser und Autos. Ist doch eigentlich ganz einfach, oder?

Ökoroutine in der Süddeutschen Zeitung

in der Samstagsausgabe der SZ findet sich diesmal ein Artikel mit dem Titel »Setzt endlich Grenzen«. Der Text ist quasi deckungsgleich mit meinen Publikationen zur Ökoroutine und Frau Liebrich zitiert das Buch sogar: »Wenn die Richtung vorgegeben ist, kann selbst der härteste Konkurrenzkampf die Transformation zur Nachhaltigkeit fördern«. Daran konnte ich mich gar nicht mehr erinnern. Aber er gefällt mir ☺


Es freut mich sehr, dass die Ökoroutine jetzt in der SZ eine Würdigung erfährt. So wird die Botschaft »Verhältnisse ändern Verhalten« prominenter. Silvia Liebrich arbeitet wunderbar heraus, dass man ein gesellschaftliches Problem wie die Klimahitze, nicht individuell lösen kann.

Mit der IGBCE zur Selbstverbrennung

Es wird heiß auf dem Planeten. Um deutlich zu machen, wie dramatisch das ist, spricht der international renommierte Klimaexperte Schellnhuber von »Selbstverbrennung«. Kann ja sein, aber deswegen muss man doch nicht die Kohle verteufeln, meint die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE). Sie betätigt sich in professioneller Verharmlosung. In den Augen vieler Kohlelobbyisten sind die Klimaschützer nur eine Spinnerbande.


Die IGBCE sitzt natürlich auch in der Kohlekommission, um den dort avisierten Kohleausstiegsfahrplan nach Kräften auszubremsen. Vor einigen Tagen erreichte mich die Mail eines Kollegen. Er berichtet, wie raffiniert der Verband argumentiert. Dessen Positionspapier sei ein »rethorisches Schmuckstück«. Es weckt den Anschein, man sei für die Energiewende, meint aber das Gegenteil.

 

Untern anderem heißt es in da: »Schon heute zeigt sich, dass viele industriell gefertigte Produkte eine positive CO2-Bilanz besitzen. Die durch ihren Einsatz vermiedenen CO2-Mengen sind größer als die bei ihrer Herstellung verursachten. Diese Betrachtung ist zielführender als die isolierte Betrachtung des Ressourcenverbrauchs industrieller Produktionsprozesse.«


Das ist ja spitze: Shoppen für den Klimaschutz! Ich kaufe eine Waschmaschine und ziehe damit Kohlenstoff aus der Luft. Nein das geht natürlich nicht. Aber mit Windkraft und Solaranlagen geht das durchaus. Nur, davon spricht der IGBCE natürlich nicht.


Solche Positionspapiere zu lesen, kann frustrierend sein. Aber aus meiner Sicht hat der Kollege völlig recht. Wer sich für eine ekeltaugliche Energieversorgung stark macht, sollte die perfiden Argumente der Gegner gut kennen, –  um die eigenen Argumenten zu schärfen. Nicht komplexe, akademische Statements werden gehört, sondern brillant auf den Punkt gebrachte Statements.


Deswegen spricht Schellnhuber auch von Selbstverbrennung statt von »Erwärmung«. Das klingt viel zu harmlos, ja eher gemütlich und angenehm. Framing heißt der Fachausdruck dafür.


Es stimmt verdrießlich, dass jährlich viele Millionen Euro investiert werden, um den Klimaschutz zu leugnen und zu bremsen. Da ist es wichtig, sich einmal klar zu machen, wo wir herkommen. Im Jahr 1992 gab es in Deutschland nur vier Prozent umweltfreundlichen Strom. Heute sind es bald 40 Prozent. Noch vor gut zehn Jahren sahen Pläne vor, an die 25 neue Kohlekraftwerke zu bauen, die angeblich unverzichtbar waren. Wir haben uns vom Atomstrom verabschiedet. Und jetzt diskutieren wir über einen systematischen Kohlenstoffausstieg. Das ist doch schonmal was. Wir können etwas bewirken. Du kannst etwas bewirken. Der Kampf gegen die Kohle, er lohnt sich. Tu was!

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Radtour mit dem ADFC

Es ist ja in der Umweltpolitik ein ständiges auf und ab. Gestern hatte ich wieder ein Erlebnis der frustrierenden Art. So was zieht mich dann echt runter - zumindest für einige Stunden oder macht zumindest nachdenklich.


Also, es war folgendermaßen: Gestern nahm ich an einer ADFC – Fahrradtour teil. Ich habe das zum ersten Mal gemacht. Für den Fahrrad Club ist das ganz normal, in der Zeitung werben sie für einen Treffpunkt und dann geht es los. Eine Tour über 35 km Berg auf Berg ab war geplant. Natürlich kommt man so mit Leuten ins Gespräch.


Naja, wie soll ich sagen, irgendwie habe ich gedacht, hier bin ich unter Gleichgesinnten. Diese Leute vom ADFC wollen doch alle eine zukunftsfähige Mobilität: Mehr Platz für Radfahrer, weniger Autos in der Stadt und breite Radwege. Ich hatte mir vorgenommen, am Ende der Radtour eine Mitgliedschaft zu beantragen.


Dann fragte mich Pita: »Sag mal, wenn du so politisch aktiv bist: Könnt Ihr nicht mal einen P&R Parkplatz im Stadtteil Hellern einrichten?« Wir haben dann eine Weile aneinander vorbei geredet, bis klar wurde, Pita wünschte sich zwar einen Parkplatz, um den Wagen vor der Stadt abzustellen, aber möchte dann nicht mit Bus oder Bahn zur Innenstadt weiter, sondern mit einer Fahrgemeinschaft.


Das ist ja zunächst einmal recht löblich, Fahrgemeinschaften. Nur, die können dann ja überall parken und die brauchen keinen speziellen Platz dafür und vor allen Dingen keinen Bus oder Bahnanschluss. Das ist ja gerade das Besondere am Park & Ride (Ride on a Bus).


Ich habe dann gesagt: »...also zum Beispiel von Melle kommt man super schnell mit der Bahn in die Stadt. Also dort am besten den Wagen abstellen und dann weiter mit der Bahn.

 

Pita: »Nee, biste verrückt? Viel zu umständlich!« Dann stellte sich heraus, sie pendelt täglich zwischen Bielefeld und Osnabrück. Da meinte ich dann »aber da könntest du dann doch mit der Bahn fahren!«.


Häh? Etwas absurderes hätte ich offenbar gar nicht sagen können. Pita fand das quasi unmöglich: »Der Zug fährt 1,5 Stunden, hin und zurück sind das 3 Stunden! »Nee, das geht überhaupt nicht«. Nun, so kann man das sehen. Aber ich war irritiert, dachte es wäre nur eine Stunde Fahrtzeit.

 

Pita wolle mit mir wetten...hätte ich das mal gemacht. Als ich nachguckt habe, waren es 55 oder 61 Minuten. Je nach Verbindung. Es gibt also auch einen guten Takt. Mit dem Auto braucht man 45 Minuten, wenn es ideal läuft. Sobald die Autobahn 33 fertiggestellt ist, geht das natürlich schneller....dann werden noch weniger mit der Bahn fahren.


Tja, da war Pita überrascht. Aber nicht, dass sie dann nochmal ins Nachdenken kam. Nein, jetzt nannte sie verschiedene Gründe, warum das trotzdem nicht geht. »Wie komme ich denn vom Bahnhof weg« usw. Das wollt ich dann auch nicht weiter erörtern. Das ist ja immer die gleiche Leier. An einer Mitgliedschaft war ich dann schon weniger interessiert.


Einmal mehr zeigt sich: Es ist den Menschen unangenehm, wenn ihre Routinen von anderen in Frage gestellt werden. Sie denken: ›Ich mache das jetzt schon ewig und drei Tag so und jetzt soll das plötzlich falsch sein. Nee. Da könnte ja jeder kommen‹. Das ist bei mir nicht anders. Ein normaler Reflex.


Später sprach ich Wolf, auch beim ADCF sehr aktiv, auf die Zugverbindung Bielefeld und Osnabrück versus Auto an. Kaum zu glauben, es kam die gleiche Reaktion. Diese Verbindung sei eine Zumutung! Zwei Stunden! Die imaginäre Fahrzeit wurde immer Länger....


Ich: »Macht sich der Verein denn nicht für Nachhaltige Mobilität stark? Weniger Autos in der Stadt usw.? Wie soll das denn passieren, wenn nicht mal ihr, eine gute Zugverbindung nutzt?« Wolf: »Es ist doch alles aufs Auto ausgelegt. Da liegt das Problem. Es macht einfach keinen Sinn, mit Bus und Bahn zu fahren«.


Mich hat das ziemlich frustriert. Zumindest an dem Abend ging mir das nicht mehr aus dem Kopf. Offenbar haben weder Pita noch Wolf in letzten zehn Jahren einmal nachgeschaut, wie lange der Zug tatsächlich braucht.


Und dann gibt es da noch Jana und andere Leute, die in Osnabrück wohnen und in Bielefeld arbeiten. Die nutzen die Bahnfahrt, um zu lesen oder am Notebook zu arbeiten. Manche haben an beiden Bahnhöfen ein Rad deponiert, einige nutzen ein Klapprad. Geht anscheinend doch.


Mich hat erschüttert, wie resolut Pita und Wolf das Bahnfahren abgelehnt haben. Selbst die Tatsache, dass man mit dem Zug kaum länger fährt, hat kein Nachdenken ausgelöst. Wo soll das hinführen? Wenn selbst passionierte Radfahrer nicht zum Umdenken bereit sind, nicht mal in Erwägung ziehen wollen, ihre Routine zu verändern.

 

Pita und Wolf werden wohl nur dann in die Bahn steigen, wenn das definitiv bequemer, schneller und billiger ist. Da wären wir dann wieder bei der Ökoroutine: Verhältnisse ändern Verhalten.


Da habe ich dann wieder gedacht, es ist unfassbar schwer, die Mobilitätskultur unserer Gesellschaft zu verändern. Das dauert alles viel zu lange. Der Verkehrssektor ist in Deutschland der einzige Bereich mit wachsenden CO2-Emissionionen. Während Industrie, Stromerzeugung und Wohnen deutlich einsparen konnten, hat sich die Auto- und Lkw-Situation weiter verschlimmert. In den letzten zehn Jahren sind nochmal knapp fünf Millionen Autos zusätzlich auf die Straßen gekommen. Die Städte sind verstopft und ächzen unter der Last.


Die Bilanz ist also niederschmetternd. Dennoch ist mein Motto: »Nicht aufgeben!« Ich werde nicht hinschmeißen. Denn ich sehe auch viele Städte, die den Strukturwandel geschafft haben. Wo die Zahl der Autos dramatisch zurückgegangen ist. Städte, die Jahr für Jahr schöner und attraktiver für Radfahrer*innen werden. Es gibt viele Menschen, die dafür kämpfen. Ich bin nicht allein.

Fliegende Konsumenten

»Paternalismus kommt nicht gut an beim Wähler«, heißt es heute in der Süddeutschen Zeitung. Das klinge nach Hausarrest und Diktatur. »Darf etwa nicht jeder frei entscheiden, wohin es in den Ferien geht, würde dann gefragt. Darf er. Aber die Menschen müssen lernen, zwischen ihren Bedürfnissen und Wünschen zu unterscheiden – und wir müssen uns im Neinsagen üben, wenn wir das Klima schützen wollen.«

 

Da ist er wieder, der moralische Appell. Die Hoffnung auf strategischen Konsum, den verantwortungsvollen Bürger. Und auch etwas Politikfrust: »Es bringt nichts zu warten, bis Politiker die Vielfliegerei erschweren. Stimmt, wir sollten nicht treu-doof waren.

 

Hier meine Mail an die SZ-Autorin Catherine Hoffman:

 

Liebe Frau Hoffmann,

 

der Schlusssatz ihres heutigen Kommentars »es ist eine Illusion der Wohlstandtouristen, dass eine Erholung am anderen Ende der Welt möglich ist, ohne genau diese Welt zu zerstören« ist brillant.

Gleichwohl sind sich in der Forschung inzwischen die meisten Wissenschaftler darin einig, dass sich durch moralische Appelle noch weniger bewirken lässt als durch zögerliche Politik. Paternalismus kommt nicht gut an, hat aber die Energiewende erst möglich gemacht.

Auch Straßenverkehrsregeln und Gesetzliche Krankenversicherung werden nicht als Drangsalierung wahrgenommen.

 

Das Konzept der Ökoroutine plädiert für Standards und Limits. Und dafür, dass engagierte Bürger Druck machen. Das kann funktionieren. Denn selbst Menschen, die 2x jährlich fliegen begrüßen ein Limit für Starts und Landungen. Um das durchzusetzen, müsste die Politik einfach nichts tun.

 

Beste Grüße

 

Michael Kopatz

Transportexzess wird Routine

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Nur Mut!

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Vortrag zur Konferenz »Mut zur Nachhaltigkeit«

Jetzt sehe ich, das mein Vortrag zur Konferenz und Preisverleihung »Mut zur Nachhaltigkeit« veröffentlicht wurde. Das hat mir richtig Spaß gemacht. Hier geht's zum Video.

Veterinäre Begegnung

Am Montag habe ich den Eröffnungsvortrag des Veterinärkongresses in Bad Staffelstein gehalten. Da kommt man ja nicht von allein drauf, dass sich der »Bundesverband der beamteten Tierärzte« für das Konzept der Ökoroutine interessiert. Ich war gespannt auf die Reaktionen.


Die Mitarbeiter der Veterinäramter müssen dafür sorge tragen, dass die vorhandenen Standards für Lebensmittelsicherheit und Tierschutz eingehalten werden. Natürlich werden sie dabei auch mit Missständen konfrontiert. Sie sehen auch die wirtschaftlichen Zwänge, in denen die Landwirte stecken. Und die können manchmal ganz schön wütend werden, wenn Kontrolleure Nachbesserungen einfordern und Auflagen machen. Einer Tierarzt sagte mir, es sei ganz gut, dass sein Weg zum Einsatzort rund eine Stunde Fahrzeit entfernt läge. Manchem Landwirt wolle er lieber nicht regelmäßig begegnen.


Tatsächlich ist offenbar ein großer Teil der rund 650 Teilnehmer an besseren Standards interessiert. Wenn die Standards steigen, also Schweine zum Beispiel mehr Auslauf bekommen und Beschäftigung haben, dann wird den Veterinären weniger Leid und Elend begegnen. Und dann ist der Job auch schon viel angenehmer.

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Unsere Stadt soll schöner werden

Im Deutschen Architektenblatt erschien kürzlich ein Beitrag mit dem Titel »Sieg für die Stadt«. Ein mutiges Beispiel für Parkplatzrückbau:

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Wenn der Verstand schrumpft....

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Refill

Hier die Reaktion einer Leserin:

Meine Joghurt Milch Müsli Mischung ist Refill :-)

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Mein ToGo-Missgriff

Niemand ist  perfekt. Heute ertappe ich mich dabei. Habe mir vorhin einen Joghurt mit Früchten und Nüssen gekauft. Lecker! Im Zug stelle ich den Becher vor mir auf, daneben meinen Refill-Becher, darin Cappuccino. Erst jetzt wir mir klar, wieviel Abfall ich jetzt allein mit diesem Joghurt produziere. Pappe und drei Sorten Plastik für Löffel, Folie und Behälter. Der Refill-Becher sagt: Der gute Wille ist da. Der Plastikjoghurt signalisiert: Guter Wille wird wohl nicht genügen.

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Warum ein Automann zum Bahnfahrer wurde

Neulich hatte ich im Zug eine interessante Unterhaltung. Wir sitzen zu zweit im Abteil und vernehmen die Ansage: »Der Zug kann bis auf Weiteres nicht weiterfahren. Grund ist die Technische Störung an einem Waggon.«.

 

Auf dem Weg zu einem Vortrag, also etwas unter Zeitdruck, sage ich leicht genervt: »Da gibt es mal keine Störungen auf der Strecke, dann ist halt ein Wagen kaputt.«

 

Der Mann im Businesslook gegenüber: »Ja, das ist ja irgendwie normal. Ich reg’ mich darüber schon gar nicht mehr auf.«

 

Wir plaudern über Anschlusszüge und die Bahn im Allgemeinen. Beide haben wir eine Bahn Card 100. Im Laufe des Gesprächs – gerade sind Elektroautos das Thema – stellt sich heraus, dass der Businessmann in der Automobilindustrie arbeitet.

 

Ach frage ich und »warum fahren Sie mit der mit der Bahn, sogar mit einer Bahnflatrate?«

 

»Wissen Sie«, sagt der Automann, »das war so: Vor einigen Jahren habe ich mir den Fuß gebrochen. Daraufhin meinte der Chirurg, ich könne jetzt ein Jahr keine Auto fahren. Das war für mich ein ziemlicher Schock. Und nach einiger Zeit, wurde mir klar, dass ich ja auch mit der Bahn fahren kann. Irgendwann war das Jahr dann um. Und ich konnte mir gar nicht mehr vorstellen, mit dem Auto zu fahren.

 

Wenn ich jetzt nach Hause komme, sind die Berichte geschrieben, die Listen fertig und ich habe meistens Feierabend. Früher muss ich mich dann noch Stunden an den Schreibtisch setzen. Außerdem ist es ziemlich gefährlich nach einem Arbeitstag, völlig übermüdet noch vier Stunden das Auto zu lenken. Passiert dann ein Unfall, kann es Probleme mit der Versicherung geben. Deswegen ist es für mich auch nicht so schlimm, wenn es mal etwas später wird mit der Bahn.«

 

Diese Unterhaltung hat bei mir lange nachgewirkt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine gute Broschüre oder ein toller Fernsehbericht den Automann zum Bahnfahrer hätte wandeln können. Ohne es zu wissen, hat der im Herr Businesslook das Konzept der Ökoroutine auf den Punkt gebracht: Verhältnisse ändern Verhalten.

Mehr dazu am nächsten Sonntag.

Holz macht dreimal warm

Unser Wohnzimmer heizen wir mit einem Ofen. Der hat einen Speicher und funktioniert wie ein Kachelofen. Die alte Technik ist extrem effizient, aber heutzutage eher selten. Wie auch immer, irgendwo muss ja das Holz herkommen. Vor zwei Wochen habe ich wieder eine Fuhre besorgt und war dabei ziemlich genervt. Dafür habe ich keine Zeit mehr! So meine Gedanken. Das war das letzte Mal! Den nächsten Kubikmeter lasse ich anliefern, fertig gehackt und getrocknet.

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Wähler und Gewählte

Nach meinem Vortrag in Magdeburg hat mir ein Zuhörer wunderbar den Zusammenhang von Verhalten und Verhältnissen erklärt:
»Ich kann mich richtig verhalten, also mit dem Bus fahren oder aufs Rad steigen. Doch wenn ich mir wünsche, dass die Radwege besser werden und die Busse häufiger fahren, muss ich die Verhältnisse ändern. Ich muss mich also einmischen, in die politische Diskussion gehen.«


Das beschreibt exakt das Wechselspiel zwischen umweltpolitischem Engagement und umweltbewusstem Verhalten. Nicht das Verkehrsministerium ist Treiber der Mobilitätswende. Vielmehr sind es die unzähligen lokalen Initiativen und gut organisierten Verbände, die den Wandel einfordern. Ganz vorne dran ist gerade die Deutsche Umwelthilfe. Sie macht Druck, mit ihren Klagen. Diese wiederum fußen auf einem durch politische Beschlüsse definierten Grenzwert, um nicht zu sagen Standard.


Das Umweltgift Glyphosat war noch vor drei Jahren in der Öffentlichkeit völlig unbekannt. Heute weiß jeder, worum es geht. Frankreich hat es verboten und Deutschland steht kurz davor. Möglich wurde das nur, weil Hundertausende sagen »Wir haben es satt!«.

Beim Cappuccino

Letzten Freitag traf ich eine alte Freundin im Café des Bioladens. Ein guter Teil des Gespräches drehte sich um die kommunale Verkehrs- und Klimapolitik. Luisa interessiert sich sehr dafür, fährt viel Fahrrad, auch bei schlechtem Wetter und outet sich als Wählerin der Grünen. Nach einer Stunde Plausch, kommt es zur Verabschiedung.


Luisa steht auf und sagt: »So, ich gehe jetzt nach rasch rüber zum Lidl, wollte da noch Nüsse kaufen«.


Hm, frage ich: »Die gibt es doch auch hier im Bioladen«.


Luisa: »Ja, aber die sind so teuer«.


Mich hat das nicht weiter verwundert, denn ich wusste schon, dass Luisa ihren Wocheneinkauf beim Aldi erledigt. Ich weiß auch: Am Geld liegt es nicht. Denn der Mann ist Manager und Spitzenverdiener und auch sie verdient weit überdurchschnittlich in einer Werbeagentur.

 

Ich schwanke dann, in solchen Situationen, will ja auch die Stimmung nicht verderben. Soll ich zu den kostspieligen Nüssen etwas sagen? Es stimmt ja, die sind im Vergleich superteuer. Aber wie ich halt so bin, konnte ich mir nicht verkneifen zu kommentieren:


»Aber Du hast doch Kohle ohne Ende, was kümmern Dich da ein paar Euro mehr oder weniger? Eigentlich könntest Du zu 100 Prozent, für die ganze Familie im Bioladen einkaufen. Und in Eurem Haushaltsbudget würden die extra kosten kaum auffallen.«


»Das stimmt wohl«, erwidert meine Freundin, »aber ich hab das halt so drin, bin so erzogen worden«.


Dazu habe ich dann nichts mehr gesagt. Ich nehme ihr das nicht übel. So ist das halt. Aber immerhin weiß ich, dass sie voll und ganz das Konzept der Ökoroutine unterstützt. Wenn die Produkte beim Lidl eines Tages genauso öko sind wie die beim Superbiomarkt, damit könnte sie gut leben. Das fände Luisa total praktisch, ja regelrecht befreiend, um nicht zu sagen erlösend. Und ich auch. Denn meine Einkäufe sind auch nicht zu 100 Prozent Bio.

 

Ökoroutine: Damit wir tun, was wir für richtig halten

Der Schrauber

Nach einem Vortrag in Göttingen kam Max auf mich zu und fragte nach weiteren Aufklebern »Verbrennt Geld, macht fett. Spart Geld, verbrennt fett«. Die möchte er gern in seinem Bekanntenkreis verteilen. Beim Gespräch erfuhr ich, dass Max schon seit einem Jahr nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit fährt. Seine Werkstatt liegt in der Stadt, also ideal für die Kundschaft – aber schlecht gelegen für ihn. Denn er wohnt mit seiner Familie eher in Stadtrandlage.

 

Mit dem Fahrrad zur Arbeit, »also erst waren das nur so Versuchsfahrten«, so Max. Bewegung sei schließlich wichtig. Doch dann habe er schnell festgestellt, dass die Fahrtzeit mit dem Rad in der Regel kürzer ist als mit dem Auto


Mehr Bewegung ist gut für Gesundheit und Wohlbefinden. Dann auch noch schneller. Das sind gewichtige Argumente für das Zweirad. Der Wartungsbedarf im Vergleich zum Pkw lächerlich gering und für den Schrauber Max ein Kinderspiel.


Inzwischen hat er sich zusammen mit seiner Frau Moni ein tolles Fahrrad gekauft und zusätzlich ein Transport Fahrrad. Ein sogenanntes Bullitt-Rad, um genau zu sein. Mit einer Kiste vorne. Die Kinder können darin sitzen und gleichzeitig kann Moni auch Einkäufe damit transportieren. Das Auto benutzen Max und Moni nur noch selten, obwohl sie im verkehrstechnischen Sinne ungünstig wohnen.

 

Es gibt also Menschen, die bereit sind ihr Fortbewegungsmittel zu wechseln, selbst in solchen Bereichen, wo es nicht naheliegend erscheint. Also ehrlich gesagt, von einem Kfz-Schrauber würde ich am wenigsten erwarten, dass er aufs Fahrrad umsteigt. Umso wichtiger ist es daher, dass wir für diese grundsätzlich bereiten Menschen solche Strukturen schaffen, dass Radeln auch Spaß macht.

 

Ich spreche hier also zum Beispiel von Radschnellwegen, die gut markiert sind und breit genug zum Überholen. Radwege, auf denen sich Max und Moni sicher und wertgeschätzt fühlen. Letztlich geht es dabei auch um eine neue Aufteilung des Verkehrsraums zugunsten von Radfahrern und Fußgängern.

 

Denn besonders sichere und breite Radwege – sogenannte »Protected Bike Lanes« –  lassen sich oft nur einrichten, indem man bei den Flächen für Autos etwas abzwackt. Das kann dann schon mal, wie jetzt in Osnabrück beschlossen wurde einen Parkstreifen kosten, in manchen Fällen sogar eine Fahrspur für Kraftfahrzeuge.

 

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Wenn sich der beste Freund ’nen SUV kauft

Kürzlich erreichte mich folgende Nachricht:


Guten Morgen Michael!
Ich brauche einen Rat oder Tipp in Sachen Klimaschutz im Umgang mit fragwürdigen Entscheidungen ansonsten sympathischer Menschen.
Mein bester Freund hat sich gestern einen Neuwagen-Kleinwagen-SUV (VW T-Cross) gekauft. Natürlich ist er eigentlich nicht »so einer«...
Naja - was soll man da machen. Ich frage mich wirklich, wie und ob ich das anspreche. (Das liegt natürlich auch daran, dass mein Freund, glaube ich, beim Thema Autokauf nicht kritikfähig ist...)
Wie gehst du damit um? Für Euch ist es ja wahrscheinlich genau so unbegreiflich, wie man überhaupt ein Auto haben kann. Bist du so locker und kannst (auch bei deinen besten Freunden) gut damit leben??
Liebe Grüße
Peter Paul


Meine Antwort:


Moin! Tja, also so ganz 100% kann ich das natürlich nicht trennen. Aber insgesamt ist mein näheres Umfeld schon deutlich ambitionierter als der Durchschnitt. Gleichwohl fliegen die meisten regelmäßig, finden Biofleisch zu teuer... usw. Und dafür gibt es dann die tollsten Begründungen. Der SUV z.B. wird benötigt, weil 2 x im Jahr der Waldweg zum Ferienhaus befahren wird, der Pferdeanhänger, der Wohnwagen. Das ging zwar auch alles ohne SUV, aber darüber zu diskutieren....


Zarte Andeutungen sind durchaus möglich, aber am besten indem man über das eigene Verhalten spricht. Das Verhalten anderer, bzw. deren Kaufentscheidungen zu bewerten macht nur schlechte Stimmung.


Und bringt nichts!


Deswegen plädiere ich für das Konzept der Ökoroutine: Verhältnisse ändern, statt Verhalten.


Für diesen Ansatz suche ich Zustimmung. Und erhalte sie auch von SUV Fahrern. Das heißt etwa: steigende Standards lassen das Fahrzeuggewicht schrittweisen schrumpfen....Wenn nicht das persönliche Verhalten zur Disposition stehen, sondern die Rahmenbedingungen insgesamt, sind die Menschen durchaus vernünftig.


Selbst im Inland vielfliegende Geschäftsleute begrüßen meinen Vorschlag, die Starts- und Landungen auf Flughäfen zu limitieren.
Mein Rat also: Sprich mit den Menschen darüber, wie wir die Verhältnisse ändern können. An solchen konkreten Beispielen lässt sich zeigen, warum Standards und Limits sinnvoll sind,  und keine Einschränkung der Freiheit. Wenn dann in der Politik darüber diskutiert wird, dann wäre es gut, wenn die Freunde die neuen Standards mittragen.


Und: fordere Deine Freunde auf, sich zu engagieren. Besetzt einen Parkplatz am ParkIngDay, radelt mit der CriticalMass oder nimm sie mit zur Demo »Wir haben es satt!«.


Aber das wäre wieder eine Verhaltensänderung....

 

Herzlichst
Michael

Ernährungsreport 2018: Die Schule wird’s nicht richten

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) stellte gestern den Ernährungsreport 2018 in Berlin vor. Laut Umfrage wären mehr als 90 Prozent der Deutschen bereit, für artgerechte Tierhaltung auch mehr zu bezahlen. Bis zu zwölf Euro für ein Kilo Fleisch würden nach eigenen Angaben 16 Prozent hinlegen, bis zu 15 Euro 52 und noch mehr 29 Prozent. Zum Vergleich: Ein Kilo Rinder-Biogulasch von Aldi kostet aktuell 11,48 Euro.


Doch die Menschen tun nicht, was sie sagen. In der Realität greifen nur wenige Prozent zur ethisch vertretbaren Ware. Die Forderung des Ministers: Man sollte ein Schulfach »Ernährung« einführen. Das darf man getrost als Ohnmachtserklärung interpretieren. Was sollen die Schulen nicht alles unterrichten, jeder Verband hat da seine spezifischen Forderungen. Digitalisierung ist jetzt immer dabei, aber auch der Umgang mit Finanzprodukten soll unterrichtet werden und sogar Glück wird als Schulfach gefordert. Parallel beklagen sich Unternehmen und Universitäten über die schlecht ausgebildeten Abiturienten. Die Kenntnisse in den Grundfächern seien zu schwach ausgebildet. Mehr Tiefgang und mehr Breite, beides zugleich ist wohl kaum möglich.


Ebenso schwach wirkt die Forderung mancher Kommentatoren nach einer besseren Kennzeichnung der Produkte. Die Konsumenten entscheiden sich nicht deshalb für das billige Fleisch, weil sie so wenig über Bio und artgerechte Tierhaltung wissen. Es wird wohl kaum jemanden geben, an dem die martialischen Bilder aus Industrieställen und die Berichte über das Leid in der Schlachtung vorbeigegangen sind. Doch wir verdrängen die Tatsachen. Billigfleisch ist Routine, auch bei Topverdienern, Ausnahmen bestätigen die Regel. Auf dem 800 Euro Grill liegen Dumpingbratwürste – für 99 Cent im Dreierpack. Das wird schon okay sein, sonst würde der Staat es nicht zulassen.


Die Wahrheit ist wohl eher, dass die Landwirtschaftspolitiker nicht den Mut haben, sich dem Bauernverband und der Agrarindustrie entgegenzustemmen. Was hätten sie denn zu befürchten, wenn sie die Standards etwa für Schweinehaltung schrittweise anheben würden und dafür auf EU-Ebene werben? Es wird doch keiner glauben, dass in Berlin Abertausende auf die Straße gehen und für billiges Fleisch demonstrieren. Nein, am 20. Januar 2018 werden, wie jedes Jahr zur Grünen Woche, wieder mindestens 20 000 Menschen in Berlin demonstrieren und rufen: »Wir haben es satt!«


Die Realität ist, dass sich Standards etwa in der Hühnerhaltung deutlich verbessert haben. Die Auslauffläche ist inzwischen doppelt so groß. Bei den Konsumenten blieb das meistens unbemerkt. Das Produkt an der Ladentheke hat sich  gewandelt, nicht die Mentalität der Kunden. Mit andere Worten: Die Verhältnisse haben sich verändert, nicht das Verhalten. So würde Öko zur Routine. Gefragt sind mutige Politiker und Menschen, die bessere Standards für alle einfordern, statt lediglich mehr Bildung oder besser Informationen zu fordern.

 

Vermutlich gibt es dafür mehr Rückhalt als viele denken: Erst vor Kurzem erklärt Philipp Skorning, Chefeinkäufer bei Aldi Süd, er würde höhere Standards, am besten EU-weit, begrüßen. Über die nächsten 20 Jahre könnten wir zu 100 Prozent auf Biolandwirtschaft umstellen. Das wäre das Ende der Zweiklassengesellschaft am Mittagstisch. Dafür lohnt es sich auch, mal an einer Demo in Berlin teilzunehmen.

Oh Schreck, die Skifahrerzahlen stagnieren!

Heute weckt dieser Titel im Reiseteil der Süddeutschen Zeitung meine Aufmerksamkeit: »Die andere Seite des Winters.« Angesichts stagnierender Skifahrerzahlen brauche es neue Konzepte für den Urlaub in den Alpen. Mich irritiert das. Der Autor tut gerade so, als sei die Zahl der Touristen rückläufig.


Die Skigebiete Österreichs sind ohnehin schon über laufen. Er boomt also der Wintersport. Aber er wächst nicht. Ist sie wirklich so schlimm, die Stagnation? Warum weckt ein Journalist in der Rubrik »Reisen« den Eindruck, dass neue Konzepte notwendig sind, nur weil die Zahl der Touristen nicht zunimmt? Offenbar völlig unreflektiert gibt sich der Autor dem Wachstumsdogma hin. Alles muss wachsen, immer und überall. Es darf bezweifelt werden, ob das auf Dauer gut geht. Ganz sicher wächst nicht das Wohlbefinden der in den Tourismusgebieten lebenden Menschen.


In einer Welt, in der nahezu alles auf Expansion gerichtet zu sein scheint, ist es um so wichtiger auf die Grenzen hinzuweisen. In der Ökoroutine werden sie als Limits bezeichnet. Für die alpenländische Tourismusstrategie bedeutet das, keine Konzepte für weiteres Wachstum zu entwickeln. Keine weiteren Hotels, Skipisten und Rodelbahnen. Dann gibt es auch nicht noch mehr Verkehr. Es einfach lassen. Stattdessen konzentriert man sich auf die Pflege des bestehenden. Es gäbe auch so noch viel zu tun. Stichwort: Nachhaltiger Tourismus. Auch darüber können Journalisten schreiben.

Frischer Fisch sichert Arbeitsplätze

In Kiel ist es gar nicht mehr so leicht, frischen Fisch zu bekommen. Früher war das Fischbrötchen aus regionaler Produktion eine Selbstverständlichkeit. Überhaupt sicherte der Fischfang vielen Menschen ein Auskommen. Kiel war einmal ein Zentrum des Fischfangs und –handels. Die alten Zeiten werden wohl nicht zurückkommen. Doch können die Wirtschaftsförderer zumindest etwas gegensteuern und den regionalen Vertrieb stärken?


Direktvermarktung ist profitabel: Verkaufen die verblieben Kieler Fischer ihren Fang an den Großhandeln in Holland, können sie mit einem Preis von durchschnittlich 1,50 Euro rechnen. Beim Direktverkauf bekommen sie fünf Euro das Kilo. Damit das klappt haben die Kieler ein Portal namens »Fisch vom Kutter« aufgebaut. Über die 2009 ins Leben gerufene Homepage können Interessierte sehen, wann und wo beteiligte Fischer in den Hafen einlaufen.

 

Die Wirtschaftsförderer in unseren Städten sollten solche Initiativen zur Stärkung der regionalen Wirtschaft nicht nur wohlwollend zur Kenntnis nehmen, sondern auch aktiv unterstützen, wenn nicht gar aufbauen. Solche Strategien sind wichtig, sagt das Kapitel »Wirtschaftsförderung 4.0« der Ökoroutine.

Verkehrswende im Kopf?

Wenn ich an einer Podiumsdiskussion teilnehme, warte ich schon darauf. Nach einer Zeit kommt er dann, der Spruch: »Es muss halt auch jeder bei sich selbst anfangen!« Mit der gleichen Intention sagte vor einigen Wochen mein Nachbar auf dem Podium: »Die Verkehrswende muss in den Köpfen stattfinden«.


Wäre ich Lobbyist von VW, dann würde ich mich mir genau diesen Spruch einfallen lassen. Etwas besseres kann den Autbauern doch gar nicht passieren. Die Konsumenten sind Schuld an der Globalen Erwärmung. Sie verantworten auch die Stickoxid- und Feinstaubemissionen in den Städten. Der Konsument verlärmt die Städte.


Das Konzept der Ökoroutine beginnt nicht in den Köpfen, sondern bei den Strukturen. Genauer den Infrastrukturen. Etwa Radschnellwege, Busspuren und Parkplatzrückbau. Aufgeweckten Verkehrswissenschaftlern ist das schon seit vielen Jahren klar. Sie sprechen von »Push and Pull«, schieben und ziehen. Parken teurer machen, Busfahren günstiger. Zum Beispiel. So wird Öko zur Routine.


Warum dann immer wieder das Mantra vom Konsumenten, der doch alles in der Hand hat? Weil es für die Produzenten unfassbar bequem ist. Sie können an ihren Geschäftsmodellen festhalten und müssen sich nur um maximalen Gewinn kümmern. Die Verantwortung obliegt ja dem Konsumenten. Daran haben auch die CSR-Berichte nichts geändert.


Ja, es ist richtig, die Unternehmen können nur produzieren, was die Menschen auch konsumieren. Der Kunde ist König. Aber nur theoretisch. In der Praxis ist der Einzelne schwach. Wir sind auf der Suche nach Anerkennung und Liebe. Und leider ist es Standard geworden, Anerkennung mit Hilfe von materiellen Gütern zu suchen. Nichts anderes steckt hinter der Protzerei mit ultraschweren Kraftwagen.


Und eben, weil die Menschen nicht tun, was sie für richtig halten, sind wir angewiesen auf strukturelle Veränderungen sowie Standards und Limits, die für alle gelten. Die systemische Transformation befreit den Einzelnen aus der Ohnmacht. Über 80 Prozent der Bundesbürger wünschen sich weniger Autos in der Stadt. Das wird jedoch nicht in den Köpfen gelingen.

Klimatalk: MedienMachtMeinung

11. Oktober 2017: Frau Maischberger möchte über Wetter und Klima diskutieren. Sie fragt: Nehmen die Wetterextreme tatsächlich zu? Sind sie eine Folge des Klimawandels? Hat die Politik trotz aufwändiger Klimaabkommen versagt? Muss der Staat bei unserem Konsum radikaler eingreifen, beispielsweise SUVs und Flugreisen mit drastischen Steuererhöhungen belegen? Eingeladen sind Jörg Kachelmann, Dorothee Bär (CSU), Bärbel Höhn (Grüne), Hans Joachim Schellnhuber und Alex Reichmuth.


Letzterer, Journalist und Klimaskeptiker, warnt vorm Pariser Klimaabkommen: »Die Umsetzung hätte katastrophale Folgen für die Menschheit. Hunger und der Zusammenbruch der Energieversorgung wären die Konsequenz.« Reichmuth ist ein Verschwörungstheoretiker.  In der Sendung  vergleicht er den Internationalen Klimarat mit den Zeugen Jehovas und verdrängt die Fakten. So etwas ist normal.


Aber ist es angemessen, dass der öffentlich Rechtliche Sender ARD solche Leute einlädt? Der Wettfrosch Kachelmann redet über Stürme und sagt selbst, Experte für Klima sei der Herr Professor Schellnhuber. Hat ernsthaft jemand erwartet, dass der Klimaskeptiker die Debatte mit substantiellen Argumenten bereichert? Wohl eher wollte man etwas mehr »Würze« in die Debatte bringen. Dabei sind die Konflikte über politische Maßnahmen schon groß genug.


Bärbel Höhn weist darauf hin, dass die Kritiker sich ja gerne in den wissenschaftlichen Diskussionsprozess einbringen könnten. Aber genau das vermieden diese. Stattdessen werden Verschwörungstheoretiker in populäre Talkshows eingeladen, um dort ihre wirrten Thesen darzustellen. Das ist keine objektive Berichterstattung, sondern Zeitverschwendung. Kostbare Zeit, die man für die Diskussion über Lösungskonzepte bräuchte.

Bedrückende Freiheit

Was mich in Leipzig gleich bei Ankunft beeindruckt hat, war die Bahnhofshalle. Ich erinnere mich noch gut an die gewaltige Baustelle in den 1990er Jahren. In der riesigen Baugrube sahen die Bagger richtig klein aus. Diesmal bin ich erstmals durch die Passage gezogen, auch in Erinnerung an den seinerzeitigen Umbau. Zu meiner Überraschung hatte rund die Hälfte aller Geschäfte geschlossen. Viele Inhaber haben offenbar die Erfahrung gemacht, dass sich die Öffnung am Sonntag nicht rechnet, obwohl gerade an diesem Tag Hochbetrieb im Bahnhof herrscht.


Dieses Beispiel zeigt doch ganz klar, dass der verkaufsoffene Sonntag in seiner radikal liberalisierten Version nicht tragfähig wäre. Er funktioniert nur, weil die Tage begrenzt sind. Die gesetzliche Vorgabe schafft Exklusivität. Im Sinne der Beschäftigten könnte man den Konsumsonntag auch gleich wieder ganz abschaffen. Niemand würde benachteiligt. Etabliert hat sich die Kaufanimation nur durch die gegenseitige Konkurrenz der Städte untereinander. Der Druck durch den Onlinehandel erscheint eher als Stützargument. Die bundesweiten Ketten habe darauf gedrungen, in der Hoffnung, die Menschen würden auf diesem Wege noch etwas mehr Geld für neue Klamotten und andere Dinge ausgeben, die sie nicht wirklich benötigen. Es gedeiht viel mehr die Motivation, alte aber noch erhalten Kleidung, Elektrogeräte oder Möbel vorzeitig zu entsorgen.


Insofern mag die Rechnung, dass Konsumsonntage die Umsätze der Geschäfte steigern, zumindest ein Stück weit aufgegangen sein – für die großen Filialisten. Kleine, lokale Geschäfte geraten durch die geweiteten Öffnungszeiten an ihre Kapazitätsgrenzen und werden schlimmstenfalls verdrängt. Viele reagieren durch eigene, kürzere Öffnungszeiten. Und so kommt es vor, dass manche Geschäfte bereits um 18:30 geschlossen haben, andere um 19:30 usw. Das ist zwar unheimlich liberal im Sinne des Einzelhandels. Für den Kunden ist es eher enttäuschend, wenn er beim anvisierte Händler vor geschlossenen Türen steht.


Einheitliche Öffnungszeiten sind daher effizient und effektiv. Effizient im Sinne von Quantität, weil die Regel zu einem optimierten Einsatz von Personal und Betriebskosten führt. Und effektiv, gedacht als Qualität, da sich flanierende Konsumenten in der Gewissheit wiegen können, dass alle Läden geöffnet sind und die Arbeitszeiten menschenfreundlicher wären. Zugleich würde etwas mehr Öko zur Routine werden. Denn alles, was den Konsumrausch einhegt, nützt den zukünftigen Generationen.

Mähen

Es ist nun schon fast zehn Jahre her, da oblag mir die Koordination des Buchprojektes »Zukunftsfähiges Deutschland«. Es sollte die Nachfolge der 1996 legendär gewordenen Studie antreten. Sie hatte den gleichen Titel und der Spiegel bezeichnete das Buch als »Bibel der Umweltbewegung«. Die Projektleitung oblag seinerzeit dem großartigen Autor und Redner Wolfgang Sachs. Von ihm habe ich im Laufe des Projektes viel gelernt und ich bin Wolfgang bis heute dankbar dafür.


Natürlich waren wir nicht immer einer Meinung. Doch besonders bei der Konzeption und Umsetzung eines großen Buchprojektes, hatte Wolfgang einfach wesentlich mehr Erfahrung und auch aufgrund seiner Exzellenz das letzte Wort. Und so kam es auch, dass meine kleine Geschichte über die Potenziale des Handrasenmähers gestrichen wurde. Das sei nun doch zu abwegig, wenn nicht gar abschreckend. Der Titel meines Kapitels lautete »Achtsam leben«. Wer nachlesen möchte, die Studie ist immer noch zu haben.


Kürzlich habe ich jetzt gelesen, wie ein Autor über das Rasenmähen mit Muskelkraft sprach. Ich konnte mir zwar kaum vorstellen, dass er sich tatsächlich solchermaßen befleißigt und mit einen Spindelmäher seinen Rasen kürzt. Aber mir kam freilich sogleich wieder meine Geschichte in den Sinn. Und auch fiel mir ein, dass ich dazu mal ein Vorführvideo gedreht habe. Über einige Jahre habe ich diesen Kurzfilm gelegentlich bei Vorträgen gezeigt. Zum einen, weil das die Leute zum Lachen bringt. Zum anderen, sollte deutlich werden: Die Zuhörer haben jemanden vor sich, der tut, was er sagt.

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Über vermeintlich »ideologiefreie« Autopolitik

Der Dieselskandal und die Tatsache, dass die Emissionen der Autos weit höher sind als bisher proklamiert, haben nicht nur die Autoindustrie unter Druck gesetzt. Auch die Politiker in den Stadträten sowie Landes- und Bundesparlamenten sollen nun Antworten liefern. Die Anforderungen und Ziele sind klar, nur nicht die Maßnahmen, mit denen sie erreicht werden können.

 

Die Politiker sehen sich damit konfrontiert, dass fast alle Wähler ein Auto besitzen. Und diese Wähler leben meist in einer persönlichen Rollenschizophrenie: Als Stadtbewohner verlangen Sie, dass endlich etwas gegen Lärm und Schadstoffe unternommen wird. Als Autofahrer werden sie stinksauer, wenn die Fahrt zur Arbeit durch eine Tempo 30 Zone verlangsamt würde.


Politiker reagieren darauf mit ebenso widersprüchlichen Postulaten. Sie möchten den Eindruck erwecken, man werde das Problem jetzt richtig anpacken und rasch Maßnahmen gegen Lärm und krankmachende Luft in den Städten umsetzen. Aber zugleich lehnen viele Entscheidungsträger und die Anhänger einer autofreundlichen Politik jedwede Einschränkung für den Autoverkehr ab. Doch diese radikale Abwehrhaltung wird maskiert, durch geschickte Verwendung von politischen Symbolbegriffen.


Sehr beliebt sind zum Beispiel Formulierungen, in denen es heißt, man wolle ideologiefrei über Verkehrsplanung diskutieren. Dieser Begriff hat Konjunktur und wird in vielen Städten von Autofreunden verwendet. Wer sich für Maßnahmen ausspricht, die dem Autoverkehr Restriktionen auferlegen und sich damit für mehr Grün und weniger Lärm verwendet ist ein Ideologe. Die Gegner von Fahrverboten sind hingegen vernünftig und undogmatisch.


Das ist ein ziemlich cleverer Formulierungstrick. Auto, Rad und Bus müssten zudem gleichberechtigt sein. Beide Begriffe, ideologiefrei und gleichberechtigt, werden auch im Koalitionsvertrag der neuen NRW-Regierung verwendet.


Ist also ein Ideologe, wer sich stark macht für Radler, Fußgänger und Nahverkehr? Politisch korrekt ist dieser Vorwurf kaum. Über 40 Jahre haben Politik und Verwaltung das Leitbild der autogerechten Stadt verfolgt. Viele Planer tun es noch bis heute. Ist diese über Jahrzehnte währende und bis heute allgegenwärtige Straßenbaupolitik »ideologiefrei«? Sie steht für Enteignung, Lärmzunahme und landschaftliche Zerschneidung. Das Leitbild einer menschengerechten Stadt will genau das Gegenteil. Es ist innovativ, visionär und verantwortungsvoll gegenüber unseren Enkeln.


Ebenso irreführend ist die Formulierung, man wolle die verschiedenen Verkehrsträger »gleichberechtigt« behandeln. Maßnahmen zur Förderung von Rad und Bus sind gut, solange sie den MIV nicht einschränken. Mehr Platz für Radler und Fußgänger ist also eine Benachteiligung und damit nicht gerecht. Da drängt sich die Gegenfrage auf: Ist es denn gerecht, dass zwei Drittel der Verkehrsfläche ausschließlich von Autos genutzt wird. Ist es fair, dass ein Wagen soviel Platz verbraucht wie sechs Fahrräder und acht Fußgänger? Und wie gerecht sind die Lärm- und Schadstoffbelastungen der Kraftwagen in unseren Städten verteilt zwischen armen und reichen Menschen? Ist es hinnehmbar, das täglich ein Radfahrer im Straßenverkehr getötet wird?


Es ist in einer Demokratie legitim, Verkehrspolitik durch die Windschutzscheibe zu betrachten. Es ist jedoch ziemlich unverfroren, das als gerecht und ideologiefrei zu bezeichnen.

Kalte Enteignung

Bei allem Getöse um Stickoxide und Dieselbetrug kommt eine ebenso bedenkliche Entwicklung viel zu kurz: Der Straßenverkehr ist in den vergangenen 30 Jahren in deutschen Städten um zwei bis drei Dezibel lauter geworden. Das ist eine Zunahme von bis zu 25 Prozent. Warum wird darüber nur in Fachgremien diskutiert? Schließlich werden die Zustände immer beklagenswerter, statt besser. Ganz einfach, es handelt sich um eine schleichende Katastrophe. Und jeder Autofahrer trägt daran eine Mitschuld. Wer möchte das schon gerne in der Zeitung lesen? Da ist es angenehmer, über Flüsterasphalt, Lärmschutzwände und Motorentechnik zu palavern. Das Problem wird sozusagen auf die Technik, die Ingenieure und Planer geschoben. Wir haben es mit einer kollektiven Verantwortungslosigkeit zu tun.


Lärm ist eine extreme Belastung für die Gesundheit. Wer es sich leisten kann, wohnt ruhig. Häuser an stark befahrenden Straßen sind billig zu haben. Menschen mit geringem Einkommen wohnen vergleichsweise laut. Dadurch verlieren in Deutschland Immobilien an Wert. Die kalte Enteignung von Immobilienwerten durch Straßenlärm nimmt seit Jahrzehnten zu und ist allgegenwärtig.


Der Wert eines Mehrfamilienhauses kann sich an einer stark befahrenden Straße halbieren gegenüber Häusern in ruhiger Wohnlage.  Die Mietmindereinnahmen belaufen sich auf schätzungsweise sieben Milliarden Euro im Jahr.  Wo bleibt die Aufregung über diesen Skandal? Stattdessen tobt die Debatte um Dieselfahrverbote. Sie werden als »kalte Enteignung« bezeichnet, so als ob die Eigentümer ihren Wagen verschrotten könnten. Dabei gilt die Vorgabe ja nur für die Innenstadt. Jeder Dieselfahrer kann also vom weit entfernt gelegenen Umland bis nah an die City fahren und dann in Bus und Bahn umsteigen.


Warum beschweren sich Lobbyorganisationen wie »Haus und Grund« nicht über die massive Entwertung der Lärm-Immobilien? Vielleicht, weil die Lobbyisten und Hauseigentümer selbst täglich am Steuer sitzen. So weit kann man das nachvollziehen.

 

Doch wäre es nicht eine attraktive Strategie, jetzt mal ganz aus Sicht der zumeist wohlhabenden Eigentümer, sich massiv für einen Rückgang des Autoverkehrs in Städten einzusetzen? Auf allen Ebenen über zig Kanäle, so wie Lobbyisten das so machen? Woran hakt es? Schließlich weiß jeder Makler, dass bei der Standortwahl vor allem drei Kriterien zählen: Lage, Lage und Lage. Vielleicht haben die Besitzenden nur noch nicht erkannt, dass sie finanziell profitieren, wenn der Straßenlärm abnimmt. Womöglich ist auch nur wenigen klar, dass die Lärmschutzdebatte über Flüsterasphalt & Co wohlfeil ist, solange die Planer das Problem nicht bei der Ursache anpacken.


Genauso wie Häuser durch zunehmenden Straßenverkehr an Wert verloren haben, werden sie an Wert gewinnen, wenn er abnimmt. Wenn es gelingt, dass die Pendler zunehmend auf Rad, Bahn und Bus umsteigen, werden Immobilieneigentümer unmittelbar profitieren. Dasselbe gilt, wenn die Einkaufstouristen verstärkt Park & Ride-Systeme nutzen. Auch das autonome Fahrzeug birgt enorme Gewinnpotenziale für Hauseigentümer, wenn wir die neue Technik clever nutzen. Wenn es gut läuft, nimmt der Straßenlärm dramatisch ab. Wenn es dumm läuft, bleibt alles beim Alten (siehe Autonomes Fahren).


Es wäre mithin naheliegend, dass die Verbände der Immobilienwirtschaft sich für die Strategie der Ökoroutine einsetzen: Strukturen ändern, statt Menschen! Wie wir wissen, sind generelle Appelle an die Vernunft von Autofahrern absolut wirkungslos. Wenn man die Stadt jedoch mit Bahn und Rad deutlich schneller und womöglich auch günstiger erreicht, steigen die Menschen um. Das geht ganz ohne Moral.


Genau genommen müsste die Immobilienwirtschaft nur einfordern, was die Bundesregierung schon 2009 beschlossen hat: Die Umsetzung des Nationalen Verkehrslärmschutzpaketes. Demzufolge soll Straßenlärm bis 2020 um 30 Prozent abnehmen. Zu schaffen ist das nur mit weniger Autofahrten in der Stadt.


Übrigens, eine Maßnahme, die sofort eine dramatische Lärmschutzwirkung entfalten würde und quasi nichts kostet, ist Tempo 30. Würde diese moderate Geschwindigkeit in unseren Städte zur Regel, wäre das Leben auch an stark befahrenen Straßen deutlich erträglicher. Bisher ist das leider nicht erlaubt. An den verlärmten Hauptstraßen dürfen die Kommunalpolitiker kein Tempolimit verhängen. Dafür müsste man die Straßenverkehrsordnung ändern. Mehr dazu findet sich in der Ökoroutine.

Autonomes Fahren

Digitalisierung, autonomes Fahren, Elektroantrieb: Die anstehenden technischen Innovationen können Verkehrsflüsse und Mobilitätsverhalten revolutionieren. Ob die neue Welt dem Klimaschutz und zukünftigen Generationen dient, hängt von der bereitgestellten Infrastruktur ab. Was damit gemeint ist und welche Rolle dabei die Ökoroutine spielt, möchte ich am Zukunftsthema »Autonomes Fahren« erläutern.


Er ist schon faszinierend: Mit dem Smartphone bestellt sich Peter einen Wagen. Es gehört nicht ihm persönlich, sondern den Stadtwerken, genauer den Verkehrsbetrieben. Innerhalb von 15 Minuten steht der Wagen vor der Tür, ungefähr so groß wie ein Smart. Eben weil es so schnell geht, lohnt sich für Peter nicht mehr, einen eigenen Wagen zu unterhalten. In einer Gemeinde mit rund 5000 Einwohnern sind einige Dutzend verfügbar. Das autonome Fahrzeug bringt Peter zum nächsten Bahnhof, auf dem Weg dorthin steigt ein weiterer Fahrgast zu. Vom Bahnhof geht es dann rasch in die City.


Regionen, in denen keine Bahnlinie verfügbar ist, haben Schnellbuslinien. Diese führen nicht über die Dörfer, von dort werden die Fahrgäste ja mit den autonomen Fahrzeug gebracht, sondern direkt in die Stadt. Es handelt sich um ein sogenanntes Hub-System So kommt man auch vom Land recht schnell in die Stadt zum Shoppen.


Selbstfahrende Autos können zudem den »Dorf-zu-Dorf-Verkehr« bedienen und etwaige Mitfahrsysteme übernehmen. Für solche Verbindungen gibt es kaum Bus- oder Bahnverbindungen. Das eigene Auto würde schrittweise überflüssig. Es wäre leicht möglich, dass im Jahr 2035 nur noch halb viele Autos auf den Straßen stehen. Die Potenziale des autonomen Fahrens sind faszinierend. So weit die Vision.


Denkbar wäre aber auch ein Horrorszenario: Alles bleibt beim Alten. Die Menschen nutzen zwar selbstfahrende Autos, aber jeder sein eigenes. Alle haben ihren Wagen vor der Haustür und lassen sich von der Maschine in die City bringen. Einparken muss Peter dann nicht mehr. Wie praktisch! Und wenn Schwiegermutter anruft, ihr seien die Eier ausgegangen, dann lässt er sie eben mit dem Wagen vorbeibringen. Der kennt ja den Weg und findet auch allein zurück. Die Straßen wären dann noch mehr verstopft, als schon heute.


Es bleibt also dabei, unsere Routinen ändern sich nicht von allein. Wenn sich jedoch die Strukturen ändern, dann wandeln sich auch unsere Mobilitätsgewohnheiten. In der Ökoroutine finden sich dafür viele Vorschläge. Sie zeigen zum Beispiel, wie sich die Erreichbarkeit der Städte für Radler und mit dem Nahverkehr verbessern lässt, etwa indem Pkw-Spuren zu Busspuren weiterentwickelt werden. Auch der Rückbau von Parkplätzen ist ein Treiber für den Wandel. »Push and Pull« nennen das die Verkehrswissenschaftler, »schieben und ziehen«. Ein ganz alter Hut. Wir müssen nur endlich damit anfangen. Dann kann das autonome Fahrzeug unser Mobilitätsverhalten positiv wandeln.

Parteispenden

Es ist kein Geheimnis, dass sich die Parteien von Konzernen beeinflussen lassen. Doch das Ausmaß und die Gewichtung der Einflussnahme ist erschreckend. Wie die Tagesschau berichtet, bekam die CDU 1,9 Millionen Euro, die FDP 1,5 Millionen Euro. Und das, obwohl die Liberalen seit 2013 gar nicht mehr im Bundestag vertreten sind. Die FDP erhielt damit achtmal so viele Großspenden wie SPD und Grüne zusammen. Letztere verbuchten jeweils nur eine einzige Einzahlung von 100 000 Euro. Ganz eindeutig haben also zwei Parteien deutlich bessere Möglichkeiten, die Wählermeinung zu manipulieren. Ob durch Plakate oder Agenturen, die via Facebook Stimmung machen.


Gewiss, im Vergleich zu den USA sind diese Summen Kleingeld. Doch sind Parteienspenden in einer ordentlichen Demokratie akzeptabel? Es gibt viele Kommunalwahlkämpfe, da macht sich das Ungleichgewicht bei den Spenden massiv bemerkbar. Da wird beispielsweise einen Tag vor der Wahl noch eine Großanzeige in der Tageszeitung gedruckt. Wenn man dieses finanzielle Machtungleichgewicht betrachtet, wundert es nicht, dass viele Bürgerinnen und Bürger denken, dass sich die Politiker vor Unternehmen und Konzernen zum Teppich machen.


Der Eindruck, Politik sei bestechlich, lässt sich ganz leicht ausräumen: In der Ökroroutine mache ich den Vorschlag, dass die Parteien ihre Spenden in einen Fond einzahlen (S. 355). Dieser wird dann nach Proporz aufgeteilt. Die Zahl der erreichten Stimmen legt den Schlüssen fest, mit dem die Gelder zugeteilt werden. Vielleicht gibt es auch einen besseren Modus. Und klar, das wäre ein radikaler Schnitt. Aber genau das braucht es, um das Wählervertrauen in die Politik zurückzugewinnen.

Windkraft und Vogelschutz

In Paris hat sich Deutschland vor zwei Jahren dazu verpflichtet, die nationalen Klimagase bis zum Jahr 2050 um mindestens 90 Prozent zu verringern. Ohne einen massiven Ausbau der Windkraft kann das nicht gelingen. Inzwischen wird das jedoch zumindest am Festland immer schwerer. Vor kurzen las ich der Welt am Sonntag einen Titelbericht über »Das teure Abenteuer Energiewende«. Über ganze zwei Seiten beschreibt dort ein Redakteur wie hirnrissig es sei, Strom aus Sonnen- und Windkraft zu erzeugen. Es gibt auch Journalisten, die stumpf lügen und Fakten zu verdrehen. Und das ist nicht erst mit Donald Trump populär geworden. »Die Welt am Sonntag« war sich auch nicht zu schade, einem erwiesenen Klimaskeptiker und Kohlefreund die Verbreitung postfaktischer Argumente zu ermöglichen.


Fritz Vahrenholt beklagt sich in dem Artikel über die Folgen der Windkraft für den Vogelschutz. Tatsächlich werden jährlich zwischen 10 000 oder 100 000 Vögel erschlagen. Darüber wird von den Windkraftgegnern, denen der ehemalige Umweltsenator Hamburgs das Wort redet, viel diskutiert. Er hat dabei leider versäumt zu erwähnen, dass pro Jahr schätzungsweise 18 Millionen Vögel in Glasscheiben sterben. Massiv ist auch der Einfluss durch Freileitungen, Straßen, Bahnstrecken und beim Fischfang.


Bürger und Politiker haben die Energiewende auf den Weggebracht. Das Gesetz für Erneuerbare Energien zwang die Konzerne dazu, ihre Geschäftsmodelle, um nicht zu sagen, ihre Routinen zu ändern. Wenn sich die Geschäftsgrundlagen ändern, dann ändern Konzerne auch ihre Konzepte, um Gewinne zu erwirtschaften. Sie tun dies allerdings nicht von allein. Dafür braucht es Druck von unten und von oben, von Bürgerinnen und Politikerinnen.


Die absurde Verhältnislosigkeit der Vogelschutzdiskussion beim Ausbau der Windkraft zeigt: Der »Kampf um Strom« ist noch nicht gewonnen.

Liberalismus ist grün

Gerade schickt mir ein Kollege aus dem Wuppertal Institut folgendes Zitat: »Allerdings ist Fläche endlich, ihr Verbrauch muss daher sparsamer werden. Deshalb wollen wir den Flächenhandel als ökonomisches Anreizsystem für eine sparsame kommunale Flächenausweisung weiterentwickeln und im Rahmen von Modellprojekten einen Zertifikatshandel mit Flächen erproben. Wenn eine Kommune Freiflächen im Außenbereich zu Bauland machen will, muss sie dafür die entsprechende Menge an frei handelbaren Zertifikaten aufbringen. Statt behördlicher Ausweisung neuer Naturschutzflächen wollen wir vermehrt eine ökologische Aufwertung bestehender Gebiete und eine Stärkung des Vertragsnaturschutzes.« Diese politische Forderung kommt dem »Flächenmoratorium« der Ökoroutine (S. 131-133 im Buch) sehr nahe und steht im Wahlprogramm der FDP in Nordrhein-Westfalen. Zur recht. Denn wahrer Liberalismus beachtet auch die Freiheitsrechte der zukünftigen Generationen. Und überhaupt sollte enkeltaugliche Politik kein Frage von links und rechts sein.

Parteispenden

Es ist kein Geheimnis, dass sich die Parteien von Konzernen beeinflussen lassen. Doch das Ausmaß und die Gewichtung der Einflussnahme ist erschreckend. Wie die Tagesschau berichtet, bekam die CDU 1,9 Millionen Euro, die FDP 1,5 Millionen Euro. Und das, obwohl die Liberalen seit 2013 gar nicht mehr im Bundestag vertreten sind. Die FDP erhielt damit achtmal so viele Großspenden wie SPD und Grüne zusammen. Letztere verbuchten jeweils nur eine einzige Einzahlung von 100 000 Euro. Ganz eindeutig haben also zwei Parteien deutliche bessere Möglichkeiten, die Wählermeinung zu manipulieren. Ob durch Plakate oder Agenturen, die via Facebook Stimmung machen.


Gewiss, im Vergleich zu den USA sind diese Summen Kleingeld. Doch sind Parteienspenden in einer ordentlichen Demokratie akzeptabel? Es gibt viele Kommunalwahlkämpfe, da macht sich das Ungleichgewicht bei den Spenden massiv bemerkbar. Da wird beispielsweise einen Tag vor der Wahl noch eine Großanzeige in der Tageszeitung gedruckt. Wenn man dieses finanzielle Machtungleichgewicht betrachtet, wundert es nicht, dass viele Bürgerinnen und Bürger denken, dass sich die Politiker vor Unternehmen und Konzernen zum Teppich machen.


Der Eindruck, Politik sei bestechlich, lässt sich ganz leicht ausräumen: In der Ökroroutine mache ich den Vorschlag, dass die Parteien ihre Spenden in einen Fond einzahlen. Dieser wird dann nach Proporz aufgeteilt. Die Zahl der erreichten Stimmen legt dann den Schlüssen fest, mit dem die Gelder zugeteilt werden.

Geführte Radtour

Am letzten Wochenende war ich in Leipzig. Eine tolle Stadt! Hat mir sehr gut gefallen. Erstmals habe ich an einer geführte Radtour teilgenommen. Noch nie habe ich die markanten Punkte einer Stadt so gut kennengelernt. Zu Fuß kommt man über die Innenstadt kaum hinaus und aus einem Bus ist eher wenig zu sehen. Bevor Touristen richtig realisiert haben, was der Reiseführer gemeint hat, ist der Bus schon vorbei.

 

Auf dem Rad hingegen begegne ich den Menschen, die in der Stadt leben, verschaffe mir einen Bild von der Stimmung in der Stadt. Rasch führt die Fahrt durch verschiedene Quartiere, mit wechselnden Stimmungen. Atmosphäre wird spürbar. Nosing around, nannte das Stadtsoziologe Robert Park. Stadtplaner sollten nicht vom Schreibtisch planen, sondern in ihrer Stadt herumschnüffeln und ihre Planung nach den jeweils ortsspezifischen Stimmungen und Bedürfnisse ausrichten.


Es ist den Städten anzuraten, geführte Radtouren systematisch anzubieten. Am besten zu moderaten Preisen und inklusive Fahrrad. Denn selbst hartnäckige Automobilisten werden in einer fremden Stadt ihre Seele für das Leitbild einer menschengerechten Verkehrsentwicklung öffnen, wenn sie auf dem Fahrrad sitzen. In der neuen Umgebung sind sie auch eher bereit, ihre Routine zu ändern. Der Lebenswert einer Stadt wächst mit der Bedeutung des Radverkehrs. International ist zu beobachten, dass Beliebtheit einer Kommune zunimmt, wenn Fußgänger und Radler nach und nach besser behandelt werden.


Oft habe ich bei meinen Reisen ein Klapprad dabei. Es lässt sich ohne Probleme auch im ICE mitnehmen und vor Ort bin ich extrem flexibel. Immer kommt mir dann der Gedanke an mein anfängliches Gefühl der Freiheit. Mit einem Leihrad fuhr ich seinerzeit wie beflügelt durch Berlin. Ein ganz anderes Stadtgefühl. Man gehört dazu, zum Strom der Betriebsamkeit. Und alles war plötzlich so nah und schnell erreichbar. Bis dahin fiel mir gar nicht auf, wie viel Zeit selbst kurze Wege beansprucht hatten. Die Kombination von S-Bahn und Klapprad verschaffte mir einen echten Zeitgewinn.


Das gelingt natürlich auch ohne Klapprad. In Leipzig habe ich mir ein Rad von »Nextbike« geliehen. Vom Hotel aus habe ich dann eine kleine Radtour zur neuen Seenlandschaft gemacht. Ein Viertelstunde Fahrt durch viel Grün, direkt bis an den Strand. Keinesfalls wäre das mit Bus und Bahn oder mit dem Kraftwagen zu schaffen, noch dazu mit dieser Kombination aus Naturerlebnis und Sport. Gewiss, all das ist eine Frage der Haltung. Doch die kann sich ändern, wenn es die Strukturen tun. In diesem Fall einladende Radwege und Leihräder.

Parklet: Grün, statt Teer

In San Francisco gibt es extra eine Website und ein Manual für die Umgestaltung von Parkplätzen zu Grünflächen. Erklärt wird dort auch, wie sich Asphalt zur Aufenthaltsmöglichkeit umbauen lässt. Vor einigen Wochen habe ich in den Stadtrat von Osnabrück einen solchen Vorschlag eingebracht. Beschlossen wurde, an einer ersten Stelle, genau eine solchen Umbau vorzunehmen. Im Ratsbeschluss heißt es: »Eines dieser Projekte ist die Schaffung von Aufenthaltsqualitäten an Orten, die vorher als Parkstellfläche dienten. In einem Pilotprojekt sollen die beiden Stellplätze vor dem Gebäude Dielinger Straße 9 umgenutzt werden. Durch die Umnutzung soll der Straßenraum nachhaltig verändert werden, so dass der Mehrwert eines neugewonnenen, wenn auch kleinen Freiraums in der Stadt deutlich wird. Es können z.B. Sitzplätze geschaffen und dem Ort so eine neue Funktion hinzugefügt werden.«


Es sind nur zwei Parkplätze und dennoch gab es Widerstand von Menschen, die möglichst viele Autos in der Stadte haben wollen. Die Wandel von der autogerechten Stadt zur menschengerechten Stadt ist mühsam. Die anstehende Umbaumaßnahme ist eine kleiner Beitrag dazu. Durch den schrittweisen Rückbau von Freiluftparkplätzen gewinnen die Stadtmenschen Lebensqualität zurück und die Menschen fahren eher mit Bus und Bahn in die Stadt. Die Strukturen ändern die Routinen. In vielen Städten wird das bereits erfolgreich vorgeführt.

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Tagung zeigt Wege zur Ökoroutine

Letzen Woche stand ein Vortrag in Bad Alexandersbad, im Fichtelgebierge, auf dem Programm. Die Frankenpost hat daraus sogar einen Titel gemacht. Der Autor hat die Kernbotschaft erkannt. Das Foto mit dem Federvieh im Freiland trägt die Bildunterschrift: Ein Beispiel für Ökoroutine: Legehühner haben heute doppelt so viel Auslauf wie noch 2003. Ökoroutine ändert Strukturen, nicht die Menschen.

Kaum Fähig zum Wandel: Die deutschen Autobauer

Neulich stand in der Zeitung, dass die Fischmanufaktur Deutsche See nun 80 Elektro-Lieferwagen bei der DHL- Tochter Streetscooter bestellt hat. Bis 2020 möchte nun auch Mercedes 1500 Elektro-Vans für Hermes produzieren. Vor einigen Jahren hielt man das offenbar nicht für nötig. Die Deutsche Post hat nämlich schon damals versucht, die Autohersteller zur Produktion eines Elektro-Vans zu bewegen. Vergeblich. Voller Entschlusskraft kauft die Post 2014 das Aachener Start-up-Unternehmen Streetscooter. Seitdem stellt sie dort Fahrzeuge für den Eigenbedarf her. Etwa 2500 Scooter sind im Einsatz. Die Bestellung von Deutsche See ist nun der erste externe Auftrag. Inzwischen soll die jährlich Produktion von 10 000 auf 20 000 Fahrzeuge erweitert werden. Offenbar hielten es die deutschen Autobauer nicht für angebracht, sich um solchen Kleinkram zu kümmern. Verkannt wurde dabei, dass man hier eine Einladung zu einen ersten Schritt in Richtung zukunftsfähige Mobilität ausgeschlagen hat. Es immer die gleiche Logik: Besonders Aktienunternehmen interessieren sich für maximale Rendite. Standards und Limits können Unternehmen dazu motivieren, dieses Dilemma zu überwinden.

Kann Bio die Welt ernähren?

Ist es möglich die Landwirtschaft der Europäischen Union komplett auf Bio umzustellen? Das zumindest behauptete die Ökoroutine. Anfangs war ich selbst verunsichert, ob das möglich ist. Noch gut in Erinnerung ist mir dieser Spruch: »Ökolandbau heißt: Halbierter Ertrag, doppelte Kosten«. Das ist eine clevere Formulierung, die sich jeder auf Anhieb merkt. Zudem erscheint es plausibel.


Begegnet bin ich der frechen Behauptung, in einer Sendung des deutsch-französischen Senders Arte. Sie hat letztlich nachgewiesen, dass auch zehn Milliarden Menschen mit Biolandbau ernährt werden können.


Das liegt jetzt einige Jahre zurück. Seitdem habe ich immer wieder zu dem Thema recherchiert und auch Studierende motiviert, sich mit der Frage zu befassen »Kann Bio die Welt ernähren?«. Das Resultat ist immer wieder gleich. Ja! Und nicht nur das. Die gegenwärtige Entwicklung deutet darauf hin, dass eben gerade die industrielle Landwirtschaft nicht zu leisten vermag, was man von ihr erwartet.


Was man in Deutschland nicht verstehen will, hat die Welternährungsorganisation schon längst für sich klar. Auf Basis der nüchternen Fakten kommt sie in ihrem Jahresbericht zu dem Schluss, dass die Landwirtschaft schnell nachhaltiger werden muss. Die industrielle Landwirtschaft kann aus Sicht der Welternährungsorganisation keine langfristigen Lösungen bieten. Besonders der Klimaschutz gebiete ein rasches Umdenken. Dafür brauche es kleine Betriebe, die die vorhandenen Ressourcen umwelt- und klimafreundlich nutzen.


So in etwa lautet auch das Fazit der Ökoroutine im Kapitel »Essen«. Ein Agrarwendefahrplan, könnte über die nächsten 15-20 Jahre mittels Standards- und Limits den den Umbau der Landwirtschaft bewirken. Das Konzept ist absolut treffsicher. »100 Prozent Bio für alle EU-Bürger« ist keine Utopie, sondern die einzig realistische Strategie. Sie wird sich jedoch nur gegen die Interessen der Agrarindustrie ins Werk setzen lassen. Die Bürgerinnen und Bürger sind dafür. Das zeigen viele Befragungen. Um ihre Wiederwahl müssten sich die Politiker also keine Sorgen machen, wenn sie die Standards schrittweise anheben.

VW-Skandal, die Bahn und das Geld

Der Dieselskandal kommt nicht aus den Schlagzeilen. Neulich war in der Zeitung zu lesen, dass VW nun 23 Milliarden Euro Strafzahlung an die USA zahlen wird. Das sind ungefähr drei mal die Kosten für den Bau von Stuttgarter 21. Über fast vier Jahre könnte man den gesamten Nahverkehr in Deutschland damit kostenlos anbieten.


Bei der Bahn fehlen die Investitionen. Mit relativ wenig Geld kann hier viel bewirkt werden: Zwei Millionen Euro kostet beispielswiese die Elektrifizierung einer Strecke je Kilometer. Also inklusive Ausrüstung wie Unterwerke und Anpassung Brücken, Tunnel. Der Neubau einer Strecke kann deutlich teurer sein, etwa für Hochgeschwindigkeitsstrecken mit vielen Brücken und Tunneln wie Ebensfeld – Erfurt oder Köln – Rhein/Main. Hier liegen die Kosten zwischen 28 und 33 Mio. Euro pro km. Doch weitere Schnellstrecken sind gar nicht erforderlich. Viel leichter und effektiver ist es, all die Nebenstrecken zu beschleunigen oder zu reaktivieren.


Für die Verlängerung der RegioBahn nach Wuppertal wird jetzt auch ein zwei Kilometer langer Abschnitt komplett neu gebaut. Der soll 17 Mio. Euro inkl. Elektrifizierung kosten, also 8,5 Mio. Euro pro km. Mit diesem Wert bekäme man für 23 Mrd. Euro etwa 2700 Kilometer Neubaustrecke. Schon mit 12 Milliarden Euro könnten leicht alle ehemals stillgelegt Strecken wieder aktiviert werden. So könnten sich endlich die Kohlendioxidemissionen im Verkehr verringern.
Das Zahlenspiel macht deutlich: Es ist Geld genug vorhanden, entscheidend ist, was damit gemacht wird. Zig Milliarden Euro werden jetzt in die USA transferiert, weil man hierzulande hartleibig an einer nicht zukunftsfähigen Technologie festhielt und den Klimaschutz nicht ernst nahm. Auf dem Holzweg ist auch der Bundesverkehrswegeplan, der weiterhin ungeheure Summen in den Straßenausbau steckt. Das verstärkt die Autoroutine. Öko kann nur zu Routine werden, wenn wir die Gelder für das zukunftsfähige Verkehrsmittel Bahn verwenden.

Sylt. Wie schön es sein könnte.

Gerade verbringe ich einige Tage auf der Insel Sylt. Es ist wirklich schön hier. Unendlich viel Strand. Was mir jedoch sogleich auffällt, schon bei der Ankunft: Eine Busfahrt ist teuer. Für die kurze Streck vom Bahnhof bis zur Unterkunft in Rantum verlangt der Fahrer 2,55 Euro. Beim Ausflug nach List werden 4,80 Euro fällig. Von einem Ende zum anderen sind es 7,80 Euro.  Für einen Weg! Das ist wirklich unfassbar teuer. Vielleicht liegt es daran, dass sich dem Anschein nach, extrem viele Autos auf der Insel befinden. Mein Zimmer hat das Fenster zur Landstraße. Eine wirklich tolle Urlaubsatmosphäre. Bis 23 Uhr brausen quasi sekündlich Pkw vorbei. Ein geschäftiges Treiben. Warum sind die Menschen so viel unterwegs, ist doch der Strand über die gesamte Länge der Insel bestens erreichbar?

Dem Anschein nach entsteht der meiste Verkehr durch Fahrten zu den Publikumsmagneten auf Sylt. Die großzügigen Parkplätze vor dem legendären Café Kupferkanne und der Sansibar sind überfüllt. So entsteht ein beträchtlicher Verkehrslärm, der offenbar politisch erwünscht ist. Autoroutine. Die Menschen tun das, was die Strukturen vorgeben. An keiner Stelle wird deutlich, dass Autos auf Sylt nicht willkommen sind. Die Insel ist »autogerecht«. Wunderlich eigentlich nur, dass der Bahndamm nicht in eine Straße umgewandelt wurde. Zumindest ein parallel verlaufender Straßendamm wäre doch einer Autoinsel zu wünschen.

Klimaschutz ist ein Thema auf Sylt. Jahr für Jahr müssen Millionen Tonnen Sand angespült werden. Der steigende Meeresspiegel macht den Küstenschützern ordentlich zu schaffen. All das kostet Geld. Über 100 Millionen Euro gibt Deutschland dafür jährlich aus. Vor diesem Hintergrund bietet die Bahn mit ihrem Sylt Shuttle ein Küstenschützer-Ticket für den Autotransport an. Der Hin- und –Rücktransport kostet dann 95 Euro und ist damit einen Euro teurer. Mit dieser läppischen Summe können sich also die Verursacher der globalen Erwärmung einen Ablass beschaffen. SUV-Fahrern wird so der Eindruck vermittelt, sie tun etwas für den Küstenschutz.

Der Weg zur Ökoroutine: Den Fahrzeugtransport jährlich um 20 Euro anheben, die Zahl der maximal transferierten Autos durch ein Buchungssystem limitieren und über 20 Jahre das Limit absenken. Ab dem Jahr 2025 erhalten nur noch emissionsfreie Wagen einen Transfer. Diese fahren maximal mit 30 Stundenkilometer. Schließlich könnte die Insel autofrei sein. Stille. Erholung, überall.

Übrigens: Auch zahlreiche Hotelgäste sind mit Wagen angereist. Ich meine, wer mit dem Auto anreist sollte auch ein Zimmer mit Fenster zur Straße bekommen.

Umweltbewusstsein 2016

Alle zwei Jahre lässt das Umweltbundesamt im Auftrag der Regierung eine Befragung über das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung durchführen. Rund 2000 Bundesbürger ab 14 Jahren durften sich jetzt wieder äußern. Fast 100 Prozent stimmten der Aussage zu, dass für sie eine intakte natürliche Umwelt unbedingt zum Leben dazu gehört. Für 67 Prozent ist der Umweltschutz eine grundlegende Bedingung, um Zukunftsaufgaben wie die Globalisierung zu bewältigen. 2010 sagten das nur 34 Prozent.


Die Studie zeigt auch: Autofahren ist nach wie vor Routine: 70 Prozent aller Befragten fahren täglich oder mehrmals die Woche mit dem Wagen. Doch offenbar hegen die Menschen grundsätzlich den Wunsch, ihre Routinen und Gewohnheiten zu ändern: 91 Prozent hatten angegeben, das Leben wäre besser, ohne aufs Auto angewiesen zu sein. Und 61 Prozent der Autofahrer in Großstädten gaben an, zu einem Umstieg auf andere Verkehrsmittel bereit zu sein.


Ist das paradox? Nur scheinbar, denn jeder für sich genommen kann nicht die Strukturen verändern, die das gewünschte Verhalten ermöglichen. Niemand ändert seine Autoroutine, wenn der Umstieg in den Nahverkehr teurer und langsamer ist. Diese Voraussetzungen können nur Stadt- und Verkehrsplaner schaffen. Sie können schrittweise die Busse und Bahnen zur Innenstadt beschleunigen und durch gute Takte komfortabel machen. Wenn man mit dem Bus schneller die Kernstadt erreicht, als mit dem Wagen, dann ändern die Bürgerinnen und Bürger ihre Routinen.

Pulse of Europe

Vor kurzem nahm ich erstmals am neuen Demoformat »Puls of Europe« teil. Es war das erste Treffen und nur rund 25 Menschen waren vor Ort. Beim nächsten »Puls« waren es dann schon deutlich mehr. Ich finde das faszinierend. Die Europäische Union ist doch so abstrakt und weit weg. Von allen Seiten schallt Kritik über die »Bürokraten in Brüssel«, die sich ständig irgendwelchen Schwachsinn ausdenken, der uns das Leben schwer macht. Sehr häufig finden sich auch Politiker aus Landtagen und dem Bundestag darunter. Um so mehr überraschen also die bundesweiten Demos für die europäische Idee.


Zwei Gedanken drängen sich auf: Erstens sind die Menschen ganz offensichtlich bereit, sich für ein Projekt stark zu machen, von dem sie nicht unmittelbar selbst profitieren. Das widerlegt eine Kritik an Beteiligung, wonach Bürger sich nur einmischen, wenn sie direkt benachteiligt werden, etwa durch eine Windkraftanlage vor der Haustür. »Not in my Backyard« nennen Politikwissenschaftler dieses Phänomen. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Und doch zeigt der »Puls of Europe«, dass es auch anders geht. Und auch die Demonstrationen gegen TTIP, die Agrarindustrie und den Braunkohletagebau sind so zu interpretieren. Schließlich nehmen an diesen Demos nicht nur Benachteiligte teil.


Zweitens ist die pauschale Kritik über die Bürokraten in Brüssel unberechtigt. Denn manche Schwachsinnsregelung kam auf Betreiben von Konzernen in die Welt, so etwa die geraden Gurken. Diese lassen sich nämlich besser in Kisten packen. Und von extrem vielen Standards profitieren wir, ohne sie weiter zur Kenntnis zu nehmen. Beispielsweise bei den Gebühren für Mobiltelefonie im Ausland. Viele Schadstoffe dürfen nicht mehr verwenden werden, weil es in Brüssel so beschlossen wurde. Viele Elektrogeräte verbrauchen auf Geheiß der EU deutlich weniger Strom. Leicht zwanzig Kohlekraftwerke konnten so eingespart werden. Benachteiligt fühlt sich dadurch eigentlich niemand.


Deutschland allein könnte sich mit hohen Standards für Elektrogeräte, Fahrzeuge und Kraftwerke kaum durchsetzen. Zu groß wäre die Angst, die hiesigen Unternehmen würden benachteiligt und die Konkurrenten in den Nachbarländern könnten davon profitieren. Doch wenn alle EU-Staaten mitmachen, ist das kein Problem. Denn dieser Markt mit 500 Millionen Einwohnern ist riesig. Um die 80 Prozent des Warenverkehrs findet innerhalb der Union statt. Die Europäer sind sich wirtschaftlich gewissermaßen selbst genug und weit weniger auf Exporte in andere Kontinente angewiesen als gemeinhin angenommen.


Das Konzept der Ökoroutine »Strukturen ändern, nicht Menschen« lässt sich besonders effektiv auf europäischer Ebene realisieren. Standards und Limits überwinden das Wettbewerbsdilemma zwischen Unternehmen und Staaten. Insofern ist es nicht nur zu begrüßen, sondern von maßgeblicher Bedeutung, wenn jetzt überall für die Idee vom geeinten Europa geworben wird. So kann Öko zur Routine werden.

Lobbyismus

Bald geht der Wahlkampf los. In NRW hängen schon Plakate, bald darauf folgt die Bundestagswahl. Für die Aktiven in den Parteien ist das ein Kraftakt. Ja, es gibt einen Unterschied, zwischen Mitgliedern und aktiven Mitgliedern der Partei. Wichtig sind beide, doch im Wahlkampf ist viel praktische Unterstützung notwendig: Plakate kleben, aufstellen, nachkleben, reparieren und abbauen. Zu den leichten Jobs gehört es auch, Flyer in Briefkästen zu stecken. Doch die wirkliche Herausforderung liegt im Wahlkampf auf der Straße. Ein Selbstversuch ist empfehlenswert. Stellen Sie sich einmal in die Fußgängerzone und helfen einer Partei beim Gespräch mit den Bürgern.


Das ist keine Angenehme Erfahrung. Zum Informationsstand kommen eigentlich fast nur Verwirrte oder Besserwisser. Um normale Menschen zu erreichen, muss man auf diese zugehen. Dabei trifft man dann auf interessierte Menschen, es ergeben sich Gespräche. Doch häufig verziehen Passanten angewidert das Gesicht. Es scheint Ekel zu erregen, wenn sich Menschen für eine Partei und die Demokratie engagieren, ganz unabhängig von der Farbe. Eine sehr verbreitete Reaktion lautet: Ich gehe nicht wählen. Fast schon stolz klingt das. Rückhalt bekommen sie von Berichterstattern, die »Nichtwähler« als Partei bezeichnen.


Ganz offenkundig ist das Wahlvolk verwöhnt. Das unsere Demokratie eine fantastische Errungenschaft ist und ein Leben in Frieden eine Selbstverständlichkeit, das findet kaum noch Wertschätzung. Führt ein nie dagewesener Wohlstand letztlich zur Krise der Demokratie? Politik ist unsexy. Hipp sind hingegen reaktionäre, rassistische und nationalistische Parteien.
Verursacht wird dieses internationale Phänomen nicht zuletzt durch ein Glaubwürdigkeitsproblem. Die Entscheidungsträger in Politik, Konzernen und Verbänden werden als eine Gemengelage wahrgenommen: Die da oben, wir da unten. Berichte in den Medien weisen zusammen mit den Analysen von Lobbycontrol unermüdlich darauf hin, dass die Nähe zu Wirtschaftsbossen wesentlich größer ist als zum Wahlvolk.


Der Wutbürger ist gefürchtet, aber der erhebt sich nur selten und meist aus persönlicher Betroffenheit. Groß angelegte Kampagnen wie etwa gegen TTIP werden von »denen da oben« als ärgerlich empfunden. Es handelt sich jedoch nur um einen Fisch im Meer der wöchentlich Entscheidungen. Das Engagement gegen TTIP war für die Bewegungen ein Kraftakt. Währenddessen scheiterten zig Reformversuche etwa, um eine Agrarwende herbeizuführen. Die industrielle Produktionsroutine in der Landwirtschaft, sie wird erbittert verteidigt.


Die nationalistischen Bewegungen stellen die Demokratie vor eine Belastungsprobe. Auch in Deutschland erschwert die vermeintlich Alternative für Deutschland das Regieren. Die etablierten Parteien verlieren an Stimmen, herauskommt immer häufiger eine große Koalition. Diese Regierungsform verstärkt wiederum den Eindruck vom verfilzten Politikapparat. Um dem Populismus entgegenzuwirken werden verschiedene Strategien diskutiert.


Maßgeblich ist eine strickte Trennung zwischen Politik und Lobbyismus. Jedweder Kontakt zwischen einem Mandatsträger und vermeintlichen Experten sollte öffentlich stattfinden. Das gibt es bereits in Form von Anhörungen. Auch Kleingespräche könnten protokolliert werden oder in einem transparenten Rahmen stattfinden. Zumindest gilt es, die Forderungen von Lobbycontrol umzusetzen. Den Wählerinnen und Wählern signalisiert man so klar: Es gibt keine Mauschelleien. Das redliche Engagement der Politiker wird so auch wieder mehr Anerkennung erfahren.

Wir haben es satt!

Es ist Freitag Abend. Zum Start der Grünen Woche berichte ich in der Saarländischen Vertretung über das Konzept der Ökoroutine. Es sind viele Landwirte, Milchbauern, Tierärzte und Lobbyisten anwesend. Schon öfters habe ich mit Landwirten über meinen Vorschlag gesprochen, die Standards in der Landwirtschaft über 20 Jahre in der EU zu erhöhen. Und zwar soweit, dass wir am Ende »Bio für Alle!« haben. Ich war gespannt, wie die Reaktionen ausfallen und freue mich, dass es so viel Zustimmung gab.

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Mehr Gerechtigkeit statt Pendlerroutine

Die sogenannte Entfernungspauschale hat das Pendeln zur Routine gemacht (s. S. 352 im Buch). Jetzt macht ein vom Umweltbundesamt in Auftrag gegebene Studie deutlich, dass dieser Steuernachlass nicht nur ökologische schädlich ist, sondern auch die Ungleichheit im Lande begünstigt: Hohe Einkommen profitieren am meisten. Außerdem werden Umlandbewohner gegenüber Städtern bevorzugt. Deren deutlich höheren Mieten werden schließlich nicht subventioniert.


Wenn unsere Mobilitätsroutinen zukunftsfähig werden sollen, ist es zweifellos dringt notwendig die Entfernungspauschale abzuschaffen, ggf. mit einer Härtefallklausel. Einmal angenommen, es können sich genügend mutige Politiker und Politikerinnen dazu durchringen, dieses unsägliche Pendelprivileg abzuschaffen. Dann stünden uns rund 6,5 Milliarden Euro steuerliche Mehreinnahmen zur Verfügung. Das ist ungefähr der Betrag, den die Menschen für Bus- und Bahntickets aufwenden. Man könnte also den gesamten öffentlichen Nahverkehr kostenfrei anbieten (s. S. 231ff). So wird Öko zur Routine.

So kann man es auch sagen...

Gerade erreicht mich die Ankündigung eines Votrags für den 22. Februar in Berlin. Da musste ich herzlich lachen. Es so zu formulieren, hätte ich mich wohl nicht getraut. Gefällt mir aber super:

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Mehr Gerechtigkeit statt Pendlerroutine

Die sogenannte Entfernungspauschale hat das Pendeln zur Routine gemacht. Jetzt macht ein vom Umweltbundesamt in Auftrag gegebene Studie deutlich, dass dieser Steuernachlass nicht nur ökologische schädlich ist, sondern auch die Ungleichheit im Lande begünstigt: Hohe Einkommen profitieren am meisten. Außerdem werden Umlandbewohner gegenüber Städtern bevorzugt. Deren deutlich höheren Mieten werden schließlich nicht subventioniert.


Wenn unsere Mobilitätsroutinen zukunftsfähig werden sollen, ist es zweifellos dringt notwendig die Entfernungspauschale abzuschaffen, ggf. mit einer Härtefallklausel. Einmal angenommen, es können sich genügend mutige Politiker und Politikerinnen dazu durchringen, dieses unsägliche Pendelprivileg abzuschaffen. Dann stünden uns rund 6,5 Milliarden Euro steuerliche Mehreinnahmen zur Verfügung. Das ist ungefähr der Betrag, den die Menschen für Bus- und Bahntickets aufwenden. Man könnte also den gesamten öffentlichen Nahverkehr kostenfrei anbieten. So wird Öko zur Routine.

Shopping for a better world?

Nun gibt es sogar eine Modellanalyse zur vermeintlichen Macht Kunden. Das fatale Ergebnis einer DIW-Studie lautet: Wer vor allem auf sein grüne Image bedacht ist und nicht an den tatsächlichen Produktionsprozessen, verhindert im Zweifelsfalls sogar naturfreundliche Produkte. Denn die Anbieter achten dann mehr aufs Image als auf öko-faire Bedingungen bei der Herstellung. Im schlechtesten Fall wird die Produktpallette sogar weniger Nachhaltig.


Das Ergebnis ist wenig überraschend und auch Ausgangspunkt für das Konzept der Ökoroutine. Eigenartig ist vielmehr die Empfehlung der Autoren: Um den Marktanteil wirklich nachhaltiger Produkte optimal zu fördern, sei ein Wertewandel in Bezug auf die Produktionsbedingungen entscheidend. Dementsprechend seien Kampagnen auszurichten.


Man möchte also Köpfe ändern und nicht Strukturen. Zu begrüßen wäre eine Studie, die sich mit veränderten Strukturen befasst und deren Auswirkungen auf unser mentale Verfasstheit. Ökoroutine liefert dazu schon zahlreiche Hinweise. Eine schicke Modellrechnung könnte bei der Verbreitung der Botschaft »Strukturen ändern, statt Menschen« sehr hilfreich sein.

 

Ist Bio zu teuer?

Im Kapitel »Essen« beschreibt die Ökoroutine, dass in zwanzig Jahren 100% artgerechte Tierhaltung möglich ist. Ganz einfach. Ok, das kann ja sein, sagen da manche. Aber wird das nicht viel zu teuer? Können sich Menschen mit kleinem Einkommen das überhaupt leisten? Schließlich beträgt der Preis vom Biofleisch oft das Dreifache.

 

Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik des Bundeslandwirtschaftsministers rechnet vor, so viel Geld muss man für mehr Tierwohl gar nicht ausgeben. Mehr Freigang für Rinder kostet etwa 22 Prozent extra. Ein Platz zum Scharren an der frischen Luft und mehr Platz für Masthähnchen werden die Augaben um 15 Prozent steigen lassen, ähnlich bei Legehennen. Und auch die Kosten in der Schweinemast für getrennte Funktionsbereiche mit Tageslicht und Frischluft, eingestreuten Liegeflächen und Beschäftigungsmaterial halten sich mit einem Plus von 34 Prozent in Grenzen.

 

Fazit der Agrarexperten: Bei 18 Prozent höheren Produktionskosten müsste der durchschnittliche deutsche Haushalt im Jahr für Fleisch, Eier und Milch nur knapp 50 Euro mehr zahlen. Ein überschaubarer Preis für eine dramatische Verbessserung beim Tierwohl.

 

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Ökoroutine als Innovationstreiber

Die Chefs der Automobilindustrie verkünden zwar permanent Innovationen, aber die Bereitschaft zum Wandel ist dürftig. Die ersten Diesel mit besonders niedrigem Rußausstoß kamen aus Frankreich. Der Hybrid-Prius aus Japan, der Tesla aus den USA und das selbstfahrende Auto von Google. Feinstaub, Stickoxide, Lärm: Manager verdrängen und leugnen die Probleme. Die deutschen Autobauer verhalten sich wie ein Schreibmaschinenhersteller Ende der 1980er Jahre, der dem Aufkommen von Computern mit einer Verbesserung seiner Maschine begegnen will.

 

Die Blaue Plakette für Städte wäre ein Innovationsmotor. Besser noch, wenn klar wäre, dass ab dem Jahr 2023 nur noch emissionsfreie Fahrzeuge in den Innenstädten akzeptiert würden. In Oslo ist das bereits ab 2019 der Fall. Dann käme die Nachfrage von ganz allein in Fahrt. Solche strukturellen Änderungen verändern Routinen. Und sie sind billig zu haben, im Gegensatz zu den Milliardensubvention für den Kauf von Elektroautos, die offenbar nicht vermocht haben, das Entscheidungsverhalten beim Autohändler zu ändern

Wo steckt die Routine?

In den Medien werden wir ermahnt unser Verhalten zu verändern und weniger Ressourcen zu verbrauchen. Wir tun nicht, was wir für richtig halten, weil die Informationen nicht unsere Routinen ändern.


Das lässt sich auch neurologisch erklären: Routinen sind sehr tief im Gehirn verankert. Wenn wir neue Fähigkeiten und Verhaltensmuster erlernen, wird zunächst die Großhirnrinde aktiv. Dort sitzt die Zentrale für unser bewusstes Tun, was man im Computertomographen auch sehr schön beobachten kann. Je mehr eine Handlung zur Gewohnheit wird, desto tiefer wandern die Hirnsignale. Versuche zeigen, dass Menschen oftmals an Routinen festhalten, selbst wenn sie nicht mehr davon profitieren.  Ganz offensichtlich ist das beim Rauchen von Tabakwaren.

Doch Routinen können sich ändern etwa durch einschneidende Erlebnisse wie einem Verkehrsunfall oder die gesellschaftlichen Strukturen, also ein Umfeld, welches den Änderungsprozess unterstützt. Das kann das soziale Umfeld sein, darauf basiert beispielsweise das Konzept der »Weight Watchers«. Von großer Bedeutung ist zudem das objektive Umfeld, etwa Rauchverbote in Gaststätten oder der Preis von Tabak. Die Autofahrt mit dem Gurt wurde letztlich durch ein Verwarnungsgeld Routine. Inzwischen ist das Angurten vor Autofahrten so selbstverständlich wie das Zähneputzen.


Der große Vorteil beim Klimaschutz ist: Unsere Routinen können sich viel leichter ändern als unsere Ernährungsgewohnheiten oder die Rauchgewohnheiten. Effizienzstandards im Neubau verändern das Entscheidungsverhalten von Bauherren ohne deren Zutun. Das ist ungefähr so, als würde man den Nikotin- und Schadstoffgehalt von Zigaretten durch gesetzliche Vorgaben schrittweise so weit reduzieren, dass sie am Ende nicht mehr gesundheitsschädlich sind. Die schrittweise angehobenen Energiestandards für Neubauten haben die Bauherren von komplizierten Gewissensfragen entlastet. Die Mehrkosten amortisieren sich über die nächsten 30 Jahre. Und durch Skaleneffekte verringern sich die Kosten für die eingesparte Kilowattstunde insgesamt. Schließlich machen die Vorgaben die Spartechnologien zu einem Massenprodukt.