Der biografische Wendepunkt

Routinen ändern sich nur, wenn sich durch die neue Verhaltensweise Vorteile ergeben oder ein Nachteil vermeiden lässt. So hat die BSE-Krise zumindest zeitweilig unsere Konsumgewohnheiten beeinflusst. Die Anschnallpflicht hat in Verbindung mit einem Bußgeld den Griff zum Gurt Routine werden lassen. Drastische Veränderungen im sozialen oder strukturellen Umfeld können uns dazu veranlassen, alte Gewohnheiten zu ändern.


Neulich berichtete mir ein Fahrgast im Zugabteil von einem sogenannten biografischen Wendepunkt. Anfangs unterhielten wir über die Verspätung. Obwohl selbst im Automobilbranche beschäftigt, reist er nur noch mit der Bahn. Der Grund: Er kann es sich schlichtweg nicht leisten, seine Zeit hinter dem Steuer zu vergeuden. Schon während der Dienstreise schreibt er Berichte, Anweisungen und fertigt seine Listen. Zuhause angekommen ist das Tagwerk vollbracht.
Zu dieser Erkenntnis gelangte er aber erst durch einen Unfall. Der komplizierte Knochenbruch am Fuß verunmöglichte für mindestens ein Jahr die Reise mit dem Pkw. Dieser Einschnitt bewegte zum Umdenken. Ein Jahr später konnte der Fuß zwar wieder die Bremse betätigen, aber der Fahrer blieb bei seiner neuen Gewohnheit. Er hat für sich festgestellt, um wie viel effektiver er seine Reisezeit nutzen konnte.


Die unbequeme Wahrheit ist: Die globale Erwärmung ist erdgeschichtliche eine dramatische Zäsur, individuell jedoch kaum wahrnehmbar. Der Klimawandel ist eine schleichende Katastrophe und beeinflusst unser Routinen kaum. Deswegen ist es so wichtig, die mentale Wende auch strukturell auf den Weg zu bringen, flankiert von Bildungsarbeit, Kampagnen und Broschüren.

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